Totalitäre
Propaganda
Auf die
Mob- und Eliteelemente der Gesellschaft üben die totalitären
Bewegungen eine Anziehungskraft aus, die von Propaganda nahezu unabhängig
ist und vor allem jener Trieb- und Schwungkraft ihre Wirkung verdankt,
die zu versprechen scheint, alles Bestehende in einem Sturm von Umwälzungen
und Terror hinwegzufegen. Die Massen hingegen können nur durch
Propaganda gewonnen werden. Totalitäre Bewegungen, sofern sie sich
unter normalen Bedingungen von Meinungsfreiheit und verfassungsmäßiger
Regierung entwickeln, appellieren an das gleiche Publikum, dem Informationsquellen
noch in unbeschränktem Maße zur Verfügung stehen und
das durch Gewaltakte nur in sehr begrenztem Maße terrorisiert
werden kann.
Daß Propaganda und Terror sich ergänzen wie zwei Seiten der
gleichen Medaille, ist zwar von Kritikern wie Anhängern totalitärer
Systeme behauptet worden, ist aber nur begrenzt richtig.' Totalitäre
Regierungen pflegen die Propaganda der Bewegungen durch Indoktrination
zu ersetzen, und ihr Terror richtet sich sehr bald (sobald nämlich
die Anfangsstadien einer organisierten Opposition überwunden sind)
nicht so sehr gegen die Gegner, die man durch Propaganda nicht hat überzeugen
können, als gegen jedermann. Sobald totalitäre Diktaturen
fest im Sattel sitzen, benutzen sie Terror, um ihre ideologischen Doktrinen
und die aus ihnen folgenden praktischen Lügen mit Gewalt in die
Wirklichkeit umzusetzen: Terror wird zu der spezifisch totalen Regierungsform.
So setzte
etwa die bolschewistische Regierung in Rußland die ideologische
Forderung durch, daß es in einem sozialistischen Lande keine Arbeitslosigkeit
geben dürfe, aber nicht so, daß sie propagandistisch-schwindelhaft
in einem Moment offenbarer Arbeitslosigkeit behauptete, es gäbe
keine Erwerbslosen, sondern indem sie ohne alle Propaganda erst einmal
die Arbeitslosenunterstützung abschaffte.' Die Lüge wurde
Wahrheit: Es gab keine Arbeitslosen mehr in Rußland, nur noch
Bettler und asoziale Elemente, und der alte sozialistische Grundsatz
»Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen« war auf eine
zwar unerwartete, dafür aber um so radikalere Weise verwirklicht
worden. Oder: Als Stalin die Geschichte der russischen Revolution umzuschreiben
beschloß, bestand seine »Propaganda« der neuen Fassung
lediglich darin, zusammen mit der alten Auflage und den zu ihr gehörenden
Dokumenten die alten Autoren und ihre Leser zu vernichten. Als im Jahr
1938 die neue Geschichte der Kommunistischen Partei Rußlands erschien,
war die Publikation selbst das Zeichen, daß die Generalreinigung
der Partei, die eine ganze Generation der russischen Intelligenz dezimiert
hatte, zu Ende war. In beiden Fällen diente Terror dazu, eine Doktrin
zu verwirklichen, nicht sie zu propagieren.
Das Naziregime
verhielt sich in diesen Fragen ganz ähnlich. Solange es sich noch
darum handelte, die Bevölkerung der besetzten Ostgebiete für
die Besatzungsmacht zu gewinnen, entfalteten die Nazis eine recht erhebliche
antisemitische Propagandatätigkeit, welche auf Terror schon darum
verzichten
konnte,
weil sie der Stimmung der Bevölkerung, vor allem Polens, ganz und
gar entgegenkam. Terror wurde erst angewandt, als es sich kurze Zeit
darauf darum handelte, die Rassenlehre, derzufolge die östlichen
Völker als Untermenschen keine Intelligenz haben, in die Wirklichkeit
umzusetzen und die politische Intelligenz auszurotten, von der damals
Widerstand noch nicht einmal zu befürchten stand. Genauso zielte
die sogenannte »Heuaktion«, die wegen der Kriegsereignisse
nur ansatzweise zur Durchführung kam und in der alle blonden und
blauäugigen Kinder aus Polen nach Deutschland entführt werden
sollten, nicht darauf ab, die Bevölkerung in Schrecken zu setzen,
sondern das germanische »Blut zu retten«, das heißt
die Rassengrundsätze zu verwirklichen.'
Insofern
totalitäre Bewegungen in einer Welt existieren, die selbst nicht
totalitär ist, sind sie auch gezwungen, das zu machen, was wir
gewöhnlich unter Propaganda verstehen. Als solche richtet sie sich
immer an ein Außen, sei es an die nichttotalitären Schichten
des Volkes, sei es an das nichttotalitäre Ausland. Das Außen,
an das die totalitäre Propaganda sich wendet, kann außerordentlich
verschieden sein; es kann auch noch nach der Machtergreifung in den
Schichten des eigenen Volkes bestehen, die man nur gleichschalten, aber
nicht verläßlich indoktrinieren konnte. In dieser Hinsicht
sind die Reden, die Hitler seinen Generälen während des Krieges
hielt, Musterstücke der Propaganda, vor allem durch die faustdicken
Lügen kenntlich, mit denen der Führer seine Tischgesellschaft
unterhielt und für sich zu gewinnen suchte." Das Außen
kann auch durch die Sympathisierenden-Gruppen repräsentiert werden,
denen man die eigentlichen Ziele der Bewegung noch nicht mitteilen kann;
es kommt schließlich auch oft vor, daß selbst die Parteimitglieder
von dem innersten Führerkreis oder den Mitgliedern der Eliteformationen
als ein solches Außen betrachtet werden, das noch der Propaganda
bedarf, weil es noch nicht zuverlässig beherrscht werden kann.
Um die Bedeutung dieser Propaganda und ihrer Lügen nicht zu überschätzen,
muß man sich die an sich viel zahlreicheren Fälle vor Augen
halten, in denen Hitler an Aufrichtigkeit und brutaler Eindeutigkeit
in der Definition der eigentlichen Ziele nicht das geringste zu wünschen
übrigließ, die aber dann von einem auf diese Konsequenz nicht
vorbereiteten Publikum einfach nicht zur Kenntnis genommen wurden.'
Im wesentlichen aber strebt die totale Herrschaft danach, Propagandamethoden
nur noch in ihrer Außenpolitik zu verwenden oder die Filialen
der Bewegung im Ausland mit geeigneter Propaganda zu versorgen. Kommt
die Indoktrination des bereits total beherrschten Landes mit der Propagandalinie
für das Ausland in Konflikt (was in Rußland geschah, nicht
als Stalin seinen Pakt mit Hitler schloß, wohl aber, als er gezwungenermaßen
ein Bündnis mit der demokratischen Welt eingehen mußte),
so wird die Propaganda innerhalb der eigenen Bewegung ausdrücklich
als »zeitweiliges taktisches Manöver« erklärt."
Die Unterscheidung zwischen ideologischer Doktrin, die innerhalb der
Bewegung der Propaganda nicht mehr bedarf, und reiner Propaganda für
die Außenwelt ist soweit wie möglich bereits ausgebildet,
bevor die Bewegungen an die Macht kommen. Das Verhältnis zwischen
Propaganda und Indoktrination hängt von der Größe und
Stärke der Bewegung einerseits, von dem Druck, den die Außenwelt
auf sie ausübt, andererseits ab. Je kleiner die Bewegung ist, desto
mehr Energie wird sie noch auf Propaganda verwenden-, je größer
der Druck der Außenwelt auf totalitäre Regierungen ist, ein
Druck, der selbst hinter einem »Eisernen Vorhang« niemals
ganz ignoriert werden kann, desto aktiver wird die totalitäre Propaganda
nach außen und im Ausland werden. Wesentlich ist, daß die
Notwendigkeiten der Propaganda immer von der Außenwelt diktiert
werden und daß die Bewegungen von sich aus nicht eigentlich propagieren,
sondern indoktrinieren. So wächst die mit Terror notwendig gekoppelte
Indoktrination, je stärker die Bewegungen werden oder je sicherer
die totalitären Regierungen sich fühlen.
Propaganda
ist in der Tat ein unabdingbarer Bestandteil »psychologischer
Kriegsführung«. Terror aber ist mehr, Terror bleibt grundsätzlich
die Herrschaftsform totalitärer Regierungen, wenn seine psychologischen
Ziele längst erreicht sind; das wirkliche Grauen setzt erst ein,
wenn Terror eine vollkommen unterworfene Bevölkerung beherrscht.
Wo immer Terror seine Perfektion erreicht hat, wie in den Konzentrationslagern,
verschwindet Propaganda völlig; sie war in den Konzentrationslagern
sogar ausdrücklich verboten.' Propaganda ist mit anderen Worten
nur ein Instrument, wenn auch vielleicht das wichtigste, im Verkehr
mit der Außenwelt-, Terror dagegen ist das wahre Wesen totaler
Herrschaft. Terror hat in totalitär regierten Ländern so wenig
mit der Existenz von Gegnern des Regimes zu tun, wie die Gesetze in
konstitutionell regierten Ländern von denjenigen abhängen,
die sie brechen.
Totale
Organisation
Im Gegensatz
zu den ideologischen Gehalten, die immer überkommen sind, und den
Propagandaschlagworten, die oft von konkurrierenden Parteien oder Bewegungen
nahezu identisch gebraucht werden (allerdings ohne die spezifisch totalitäre
Stimmigkeit), sind die Organisationsformen totalitärer Bewegungen
von einer beispiellosen Originalität. Sie haben die Aufgabe, die
zentrale ideologische Fiktion (die Verschwörung der Juden, der
Trotzkisten oder der Dreihundert Familien), um die das Lügengespinst
der Propaganda jeweils neu gewoben wird, in die Wirklichkeit umzusetzen
und in der noch nicht totalitären Welt Menschen so zu organisieren,
daß sie sich nach den Gesetzen dieser fiktiven Wirklichkeit bewegen.
Im Unterschied zu gleichzeitigen und scheinbar gleichgearteten Parteien
und Bewegungen faschistischer oder sozialistischer, völkischer
oder kommunistischer Art, die alle, wenn sie nur einen bestimmten Grad
der Radikalität erreicht haben (der meist nur von dem Grade der
Verzweiflung ihrer Mitglieder abhängt), Propaganda mit Terrormethoden
unterstützen, macht die totalitäre Bewegung mit ihrer Propaganda
wirklich ernst, und dieser Ernst äußert sich sehr viel furchtbarer
in der Organisation ihrer Anhänger als in dem Einschlagen der Köpfe
ihrer Gegner. Nicht Terror und Propaganda, sondern Organisation und
Propaganda sind die zwei Seiten der gleichen Medaille.
Sieht man
zu, wie totalitäre Bewegungen ihre Anhänger vor der Machtergreifung
organisieren, so fällt die Schaffung von Frontorganisationen und
die Unterscheidung zwischen Parteimitgliedern und Sympathisierenden
als wesentlich neues und originales Organisationsmittel auf. Dieser
Erfindung gegenüber sind andere Phänomene, die wir heute gewöhnlich
als typisch totalitär ansehen, wie die Ernennung aller Funktionäre
von oben und die schließliche Monopolisierung aller Ernennungen
durch einen Mann -das sogenannte Führerprinzip -, von sekundärer
Bedeutung. Das Führerprinzip als solches ist noch nicht totalitär;
ihm haften gewisse autoritäre und militärdiktatorische Züge
an, die viel dazu beigetragen haben, das eigentlich totalitäre
Phänomen mißzuverstehen und zu verharmlosen. Hätten
die von oben ernannten Funktionäre wirklich Autorität und
Verantwortlichkeit, so hätten wir es mit einem hierarchischen Gebilde
zu tun, in welchem Autorität und Macht planmäßig verteilt
und nach Gesetzen geregelt sind. Ähnliches gilt von der Organisation
einer Armee und der nach ihrem Modell errichteten Militärdiktatur,
in welcher die absolute Befehlsgewalt nach unten und der absolute Gehorsamszwang
nach oben den Bedingungen des Handelns im Feld äußerster
Gefahr und aktiver Bedrohung entsprechen und gerade darum nicht total
sind. Eine hierarchisch geregelte Vermittlung von Befehlen besagt, daß
die Macht des Befehlshabers von der Befehlshierarchie, in die er hineingestellt
ist, abhängig ist. Jede Hierarchie, und sei sie noch so autoritativ
geleitet, und jede Befehlsvermittlung, und seien die Befehle noch so
selbstherrlich-diktatorisch erteilt, würden die totale Macht des
Führers einer totalitären Bewegung stabilisieren und damit
einschränken." Es ist, in der Sprache der Nazis, der dynamische,
niemals ruhende »Wille des Führers« (und nicht seine
Befehle, denen eine festlegbare Autorität zukommen könnte),
der zum »obersten Gesetz« in einer totalen Herrschaft wird.
Erst aus der Stellung, welche die totalitäre Bewegung vermöge
ihrer einzigartigen Organisation dem Führer gibt, aus seiner Funktion
für die Bewegung, entwickelte sich das Führerprinzip im totalitären
Sinne. Hiermit stimmt auch überein, daß in Hitlers wie in
Stalins Falle das eigentliche Führerprinzip sich nur verhältnismäßig
langsam im Verlauf einer fortschreitenden »Totalisierung«
der Bewegung entwickelt hat
Die ersten
organisierten Sympathisierendengruppen wurden von den kommunistischen
Parteien in den zwanziger Jahren ins Leben gerufen; sie waren jedoch
vorerst nichts anderes, als was ihr Name indizierte, Zusammenfassungen
von mehr oder minder vage sympathisierenden Freunden zwecks finanzieller
oder anderer Hilfe. Erst mit der zunehmenden Bolschewisierung der kommunistischen
Parteien wurden aus den »Freunden der Sowjetunion« oder
der »Roten Hilfe« ausgesprochene Frontorganisationen. Der
erste, welcher in sympathisierenden Massen, auf die alle Parteien für
den Wahltag rechneten, die sie aber für zu unbeständig für
Parteimitgliedschaft hielten, nicht nur ein Stimmenreservoir, sondern
eine eigenständige, politische Kraft sah, war zweifellos Hitler,
der bereits in Mein Kampf vorschlug, die durch Propaganda gewonnenen
Massen in Sympathisierende und Mitglieder aufzuteilen. Diesen Vorschlag
begründete er mit einigen Banalitäten über die Feigheit
und Faulheit der meisten Menschen, die es ihnen verwehre, sich für
Überzeugungen kämpfend einzusetzen, eine Begründung,
die ihn immerhin beinahe automatisch dazu führte, in die Sympathisierendengruppen
so viele Mitläufer wie möglich aufzunehmen, während die
Parteimitgliedschaft als solche nach Möglichkeit begrenzt wurde.
Diese Vorstellung von einer Parteiminorität, die von einer Sympathisierendenmajorität
umgeben ist, kommt den eigentlichen Frontorganisationen bereits sehr
nahe. Wesentlich ist, daß die Nazis von vornherein die Sympathisierenden,
bei aller Verachtung für das Menschenmaterial in diesen Organisationen,
mit zur Bewegung rechneten und daher sehr bald verstanden, daß
die Frontorganisationen - ein Name, der aufs genaueste die eigentliche
Beziehung zwischen Parteimitglied und Sympathisierenden anzeigt - für
die Bewegung im ganzen nicht weniger wichtig sind als die eigentliche
Parteimitgliedschaft.
Die totalitäre
Bewegung benutzt die Frontorganisationen als einen Schutzwall, der die
Mitgliedschaft, ihren fanatischen Glauben an die ideologische Fiktion
und ihre »revolutionäre« Moral gegen den Schock einer
noch intakten Außenwelt schützt; gleichzeitig dient die Frontorganisation
der Mitgliedschaft als eine genau überwachte Brücke in die
Normalität zurück, eine Brücke, ohne welche die Mitglieder
vor dem Sieg der totalitären Bewegung den Gegensatz zwischen ihren
Überzeugungen und den Ansichten aller übrigen, zwischen der
ideologischen Fiktion und der Realität der normalen Welt allzu
scharf empfinden würden. Während des Kampfes der Bewegung
um die Macht bewährt sich die Frontorganisation gerade darin, daß
sie die Parteimitglieder nicht nur isoliert, sondern ihnen gleichzeitig
sich als Normalität darbietet, ihnen ein Falsifikat der Außenwelt
gibt, das den Einbruch der wirklichen Welt wirksamer abhält als
bloße Indoktrination und Fanatismus. Die deutliche Differenz zwischen
seiner eigenen Haltung und der eines Sympathisierenden wird den Parteinazi
oder den Parteibolschewisten in seinem Glauben an die ideologisch-fiktive
Erklärung von Welt und Geschichte gerade darum bestärken,
weil der Sympathisierende ähnliche Meinungen in einer noch »normalen«
Form hegt. Die Reste von Normalität im Sympathisierenden, seine
mangelnde Folgerichtigkeit und ein gewisser Wirklichkeitssinn, der es
nicht dazu kommen läßt, ideologische Meinungen in das ihnen
inhärente totalitäre Extrem zu treiben, erscheinen dem Parteimitglied
als repräsentativ für die gesamte außerhalb der Bewegung
stehende Welt. So gewinnt er die Vorstellung, als hätte er in einer
weniger konsequenten und konfuseren Weise jeden auf seiner Seite, den
die Bewegung nicht von vornherein als den Feind gebrandmarkt hat, den
Juden, den Kapitalisten. Durch die Frontorganisationen der Sympathisierenden
hindurch erscheint die Welt als voll von geheimen Verbündeten,
die nur noch nicht die notwendige Geistes- und Charakterstärke
aufbringen können, um die Konsequenzen aus ihren Überzeugungen
zu ziehen. Die Frontorganisationen sind die von den totalitären
Bewegungen eigens errichtete Fassade einer nichttotalitären Außenwelt.
Es ist der Ersatz der Wirklichkeit, der am wirksamsten vor der Wirklichkeit
schützt.
Ebenso
wirksam nun, wie die Frontorganisationen die Mitglieder über den
eigentlichen Charakter der Außenwelt täuschen, täuschen
sie die Außenwelt über den eigentlichen Charakter der Bewegung.
Die Sympathisierenden, deren alltägliches Leben ja noch innerhalb
einer nichttotalitären Welt und nach »normalen« Regeln
sich vollzieht, bieten sich natürlicherweise den Blicken der Außenstehenden
zuerst dar. Sie machen zumeist noch nicht einmal den Eindruck von Fanatikern
und können in jedem Fall den Anspruch erheben, daß ihre Meinung
unter anderen Meinungen gehört werde. Es ist in dieser Form einer
anscheinend harmlosen Meinung unter Meinungen, daß die ideologische
Fiktion zuerst in dem Meinungschaos der modernen Welt erscheint und
in ihm eine erst kaum merkliche Präponderanz gewinnt, bis schließlich
in dem eigentlich prätotalitären Stadium alle Diskussionen
von totalitären Elementen vergiftet sind. Diese sind als solche
schwer zu diagnostizieren, weil die totalitären Meinungen von Menschen
vertreten werden, die subjektiv ehrlich meinen, daß sie eben nur
anderer Meinung sind als andere Leute; zudem fällt in dem ohnehin
herrschenden Meinungschaos die Absurdität gerade ihrer Meinung
kaum auf Die Sympathisierendenorganisationen hüllen die Bewegung
in einen Nebel der Normalität und Respektabilität und dienen
ihnen in doppelter Weise als Fassade: Sie täuschen die Parteimitglieder
über den radikalen Bruch, den sie mit der gesamten nichttotalitären
Welt vollzogen haben -, und sie täuschen die nichttotalitäre
Umgebung über die radikale Andersartigkeit und Aggressivität
der ideologischen Fiktion.
Es ist
möglich und sogar wahrscheinlich, daß die Zusammensetzung
einer totalitären Bewegung aus Parteimitgliedern und Sympathisierendengruppen
relativ zufällig entstanden ist und daß die eigentümliche
Beziehung zwischen ihnen sich aus den Bedingungen des Kampfes einer
totalitären Bewegung innerhalb einer nichttotalitären Weit
gleichsam von selbst ergeben hat. Um so erstaunlicher ist, daß
die Beziehung zwischen einer Fassade und einem Kern wie die Doppelfunktion
der Fassade nach außen und innen sich durch die gesamte Organisation
der Bewegungen hindurch wiederholt, ja die eigentliche Strukt r der
totalitären Organisation ausmacht. So wie die Parteimitglieder
durch die Sympathisierenden von der Außenwelt zugleich getrennt
und mit ihr verbunden sind, so sind die Eliteformationen der Bewegungen
durch die gewöhnliche Parteimitgliedschaft zugleich von der nichttotalitären
Umgebung geschützt und ihr verbunden. Das Parteimitglied ist für
den Angehörigen einer Eliteformation genauso nichtradikal, also
nicht wirklich total gebunden, wie der Sympathisierende für das
Parteimitglied. Parteimitglieder leben beruflich und gesellschaftlich
immer noch in der nichttotalitären Welt; sie sind, bevor den Bewegungen
die Macht zufällt, total erfaßbar, obwohl ihnen klar sein
mag, daß im Konfliktsfalle die Parteitreue über berufliches,
gesellschaftliches und privates Leben hinweggehen muß. Das hindert
nicht, daß sie den eigentlich militanten Gruppen als der Inbegriff
einer harmlosen Bürgerlichkeit erscheinen.
Es ist
offenbar, daß ein wesentlicher Vorteil dieser Struktur darin besteht,
daß die totalitäre Bewegung als Ganzes bereits vor der Machtergreifung
so etwas wie eine eigene geschlossene Welt darstellen kann, in welcher
Abstufungen und Differenzierungen die von den Eliteformationen gesicherte
radikale Folgerichtigkeit der zentralen Fiktion nicht nur mildern, sondern
auch gewissermaßen echte Meinungsverschiedenheiten ersetzen. Ebenso
wesentlich ist, daß diese Struktur es verhindert, daß irgendeinem
der Angehörigen der Bewegung, gleich welcher Schicht er zugehört,
jemals die Unerhörtheit der totalitären Dichotomie der Menschheit
in Angehörige der Bewegung einerseits und einer unterschiedslos
feindseligen Außenwelt andererseits voll zum Bewußtsein
kommt. Der Schock dieser erschreckenden und monströsen Zweiteilung
fängt sich in der sorgsam gestuften Hierarchie der Radikalität,
in welcher jeder niedere Rang den unmittelbar übergeordneten über
das wahre Bild der Außenwelt täuscht, weil er als deren Repräsentant
erscheint. Dadurch wird erreicht, daß die Feindseligkeit der gesamten
nichttotalitären Welt zu einem bloß ideologisch geglaubten
Artikel einer Weltanschauung ohne alle reale Erfahrung wird. Die Mitglieder
einer totalitären Bewegung sind organisatorisch gegen die Außenwelt
so abgedichtet, daß sie die außerordentlichen Risiken einer
totalitären Politik, die in ihrer Vorstellung es immer nur mit
Scheingegnern - nämlich mit einer weniger radikalen, weniger konsequenten,
aber heimlich »sympathisierenden« Majorität und einer
teuflisch schlauen, aber machtmäßig ganz unerheblichen Minorität
- zu tun hat, prinzipiell und beharrlich unterschätzen.
Zweifellos
greifen die totalitären Bewegungen die bestehenden Verhältnisse
radikaler an als alle früheren revolutionären Parteien oder
Bewegungen, ganz abgesehen davon, daß, wie wir sehen werden, ihren
Ambitionen mit einer bloßen Veränderung der Verhältnisse
gar nicht gedient ist. Dieser Radikalismus ist teilweise natürlich
den tiefsten Sehnsüchten der heimatlos gewordenen Massen geschuldet,
die sich vor nichts so sehr fürchten wie vor dem Fortbestand des
Bestehenden. Dennoch bleibt fraglich, ob eine Massenorganisation sich
durch lange Jahre hindurch einen solchen Radikalismus leisten könnte,
wenn sie nicht in ihrer Organisation einen nahezu vollgültigen
Ersatz für jenes gewöhnliche, unpolitische Leben böte,
das die totalitäre Bewegung zwar sofort abzuschaffen trachten wird,
wenn sie zur Macht kommt, das aber vor der Machtergreifung dauernd als
Versuchung von der nichttotalitären Umgebung angeboten wird. Wesentlich
ist, daß diese Art der Organisation jene unbarmherzige Alternative,
vor die der »Berufsrevolutionär« sich unausweichlich
gestellt sah, nämlich entweder sich von der gesamten Welt nichtpolitischer,
gesellschaftlicher Beziehungen radikal zu lösen oder sie so zu
akzeptieren, wie sie nun einmal ist, aus der Welt schafft, da ja selbst
den Angehörigen der Eliteformationen (die den »Berufsrevolutionären«
der revolutionären Parteien entsprechen) in Form der weniger militanten
Gruppen eine akzeptable »Normalität« geboten werden
kann. Die Eliteformationen sind niemals dem Schock ausgesetzt, der sich
aus der Konfrontierung »revolutionärer« Überzeugungen
mit der »normalen« Welt« ergibt und dem der Berufsrevolutionär
nie entgehen konnte, wenn er einmal den engen Kreis derer verließ,
mit denen er durch seine Arbeit unmittelbar verbunden war. Gerade in
ihrem »revolutionären« Stadium vor der Machtergreifung
können deshalb die Bewegungen eine so große Anziehungskraft
auf die Spießer ausüben. Alle ihnen Zugehörigen, Sympathisierende
wie Parteimitglieder wie Eliteformationen, leben in einem Narrenparadies
der Normalität, die Parteimitglieder umgeben von der normalen Spießigkeit
der Sympathisierenden und die Eliteformationen umgeben von der normalen
Spießigkeit der Parteimitglieder.
Ein anderer
Vorteil dieses Organisationsschemas, der sich allerdings erst nach der
Machtergreifung herausstellt, ist seine unendliche Wiederholbarkeit.
Einfügung immer neuer Schichten mit erneuten Radikalitätsstufungen
ist möglich und verhindert das Erstarren des Parteiapparats durch
Bürokratisierung. Man könnte die ganze Geschichte der Nazipartei
in der Geschichte von Neuformationen innerhalb der Bewegung darstellen.
Die SA, 1922 gegründet, war die erste Formation, die bestimmt war,
radikaler zu sein als die Partei selbst. Die SS wurde im Jahre 1926
als Eliteformation, das heißt als der militante Flügel der
SA, gegründet. Drei Jahre später wurde die SS unter Himmlers
Kommando von der SA getrennt, und in wenigen Jahren begann das gleiche
Spiel, nun innerhalb der SS. Nacheinander, und sich an Radikalität
ständig überbietend, traten aus der Allgemeinen SS, deren
Mitglieder bis auf das höhere Führerkorps in ihren zivilen
Berufen blieben, erst die Verfügungstruppen heraus, dann die Totenkopfverbände,
die »Bewachungsmannschaften der Konzentrationslager«, schließlich
der Sicherheitsdienst, der »weltanschauliche Nachrichtendienst
der Partei«, dem die Ausführung der »negativen Bevölkerungspolitik«
unterstand, und das Rasse- und Siedlungswesen, dessen Aufgaben »positiver
Art« waren, Zu all diesen Neuformationen verhielt sich das Mitglied
der Allgemeinen SS nun genauso wie der SA-Mann zum SS-Mann oder das
Parteimitglied zum SA-Mann oder der Sympathisierende einer Frontorganisation
zum Parteimitglied. Die Allgemeine SS hatte nun nicht nur die Aufgabe,
»vor den ... Verkörperungen der nationalsozialistischen Idee
die Wacht (zu) halten«, sondern auch »die Angehörigen
aller mit Sonderaufgaben betrauten Einheiten der SS vor Loslösung
von der Gesamtbewegung zu bewahren«.
Fluktuierende
Hierarchien mit ständiger Zufügung neuer Schichten oder Instanzen
und ständiger Verschiebung des Machtzentrums kennen wir aus der
Geschichte der Geheimpolizisten und der Spionagedienste, das heißt
aus der Geschichte von Organisationen, die ständig neue Kontrollen
brauchten, um die Kontrolleure zu kontrollieren. Totale Spionage ist
vor der Machtergreifung der Bewegungen undurchführbar, doch ermöglicht
die dem Geheimdienst verwandte fluktuierende Hierarchie es auch vor
Besitz der öffentlichen Gewaltmittel, jede Gruppe gleich welchen
Ranges, in der sich Unzuverlässigkeit oder Nachlassen der Radikalität
zeigt, durch Einfügung neuer, radikalerer Schichten innerhalb des
Organisationszusammenhanges der Bewegung zu degradieren und sie so automatisch
aus dem Zentrum der Bewegung in Richtung ihrer Fassaden, die in den
Frontorganisationen endet, wegzutreiben. Dies passierte der Partei in
den Jahren des Machtzuwachses der SA, dann wurde die SA zugunsten der
SS innerhalb der Bewegung degradiert, dann die Allgemeine SS zugunsten
der militanten Verbände, schließlich ein militanter Verband
zugunsten eines noch radikaleren und so fort.
Der rein
militärische Wert totalitärer Eliteformationen ist höchst
zweifelhafter Natur, selbst wenn sie so militärisch organisiert
werden, wie es bei der SA und der SS der Fall war. Daß ihnen im
wesentlichen innerparteiliche Bedeutung zukommt, hat Hitler immer gewußt
und niemals verheimlicht. Keine der faschistischen Hemdenorganisationen
ist zum Zwecke des Angriffes, etwa des bewaffneten Aufstandes oder der
Verteidigung, gegründet worden, Saalschutz oder Schutz von Parteifunktionären
waren lediglich beliebte Vorwände in der Diskussion mit Außenstehenden.
Die SA, wie andere paramilitärische faschistische Verbände,
war ein »Instrument zur Vertretung und Stärkung des Weltanschauungskampfes
der Bewegung« und zwar ursprünglich ein Instrument gegen
den weitverbreiteten Pazifismus nach dem Ersten Weltkrieg. Für
totalitäre Zwecke war es viel wichtiger, eine Scheinarmee auf die
Beine zu stellen, die eine »kämpferische Haltung ausdrückte«,
als eine Truppe gut ausgebildeter Soldaten zur Verfügung zu haben.
Der Kampf gegen den Pazifismus, das heißt gegen eine weitverbreitete
Meinung ohne jede wirkliche Macht, sollte geführt werden und wurde
sehr wirksam geführt, mit einer Truppe, die genauso aussah, wie
die Pazifisten sich eine Armee fälschlicherweise vorzustellen pflegten,
das heißt wie eine Mörder- und Räuberbande. Über
den nationalsozialistischen Ausfällen gegen die Pazifisten übersieht
man leicht, daß die Nazis an der pazifistischen Gleichsetzung
von Krieg und Morden nie gezweifelt haben, also niemals Militaristen
im eigentlichen Sinn des Wortes gewesen sind. Es handelte sich darum,
das Recht zum Morden sichtbar darzustellen, um die Abschaffung aller
sittlichen und moralischen Standards, die gewöhnlich auch im Kriege
gelten und die nun als »unkämpferisch« denunziert wurden.
Für Mordpropaganda brauchte man Mord- und Gewalttaten, aber keine
militärischen Übungen. Die paramilitärischen Faschistenorganisationen
waren nie für gewaltsame Eroberung der Staatsmacht geplant, sondern
nur für Ausdruck und Propagierung einer »Weltanschauung«;
selbst Mord war nicht primär Mittel, politische Gegner aus dem
Felde zu räumen, sondern, wie die grotesken Uniformen, Ausdrucksmittel
»kämpferischer Gesinnung« und sichtbarer Beweis, daß
man die »bürgerlichen moralischen Vorurteile« der Umgebung
nicht teilte.
So ist
auch zu erklären, daß dieser ganzen militaristischen Maskerade
zum Trotz diejenige innerparteiliche Fraktion der Nazipartei, die vorwiegend
nationalistisch empfand und militaristisch dachte, als erste liquidiert
wurde. Der wesentliche Konflikt zwischen Hitler und Röhm bestand
gerade darin, daß Röhm nicht wie Hitler die paramilitärischen
Verbände als bloße Parteiorganisationen ansah, sondern durch
sie vor der Machtergreifung die durch den Versailler Vertrag beschränkte
Reichswehr illegal erweitern wollte, um nach der Machtergreifung die
SA direkt in die Reichswehr einzugliedern. Dies hätte die SA der
Reichswehr unterstellt und sie aus »politischen Soldaten«
zu Berufssoldaten gemacht, statt umgekehrt zu warten, bis man stark
genug war, die militärische Tradition Deutschlands zu brechen und
die Reichswehr den Eliteformationen zu unterstellen - wie es dann im
Verlauf des Krieges geschah. Was Röhm nicht verstand oder vielleicht
nicht verstehen wollte, war, daß Hitler bereits am Ende der zwanziger
Jahre eine solche Entwicklung anstrebte und ihn darum als Führer
der SA entließ, obwohl seine soldatische Erfahrung aus dem Kriege
und in der Organisation der Schwarzen Reichswehr ihn für ein militärisches
Ausbildungsprogramm der paramilitärischen Nazitruppen unentbehrlich
gemacht hätte. Deutlicher fast noch war die Tatsache, daß
Himmler, der von militärischen Dingen nie eine Ahnung gehabt hatte,
zum Reorganisator und Reichsführer der SS ernannt wurde.
Die Bedeutung
der Eliteverbände ist mit ihrer Rolle innerhalb der Bewegung, wo
sie den ständig wechselnden Maßstab der äußersten
Radikalität abgeben, nicht erschöpft. Ihre paramilitärische
Struktur muß im Zusammenhang jener von den Bewegungen etablierten
Berufsorganisationen gesehen werden, die normale Berufsverbände
in ähnlicher, paraprofessioneller Weise imitieren, karikieren und
kompromittieren wie die paramilitärischen Verbände die Armee.
Dieser Zusammenhang liegt nicht ganz so klar zutage, weil nur paramilitärische,
aber nicht andere professionelle Verbände die Eliteformationen
der Bewegungen bildeten. In den kommunistischen Parteien zumal, die
ihre Sympathisierendengruppen vor allem aus den freien Berufen rekrutierten,
blieben die Frontorganisationen so weit wie möglich von dem Elitekern
der Bewegung - ehemals den »Berufsrevolutionären«,
dann den Parteifunktionären und schließlich den Komintern-
und GPU-Agenten - entfernt. Innerhalb der kommunistischen Bewegung waren
aber auch die paramilitärischen Verbände, die Rot-Front-Gruppen,
keine eigentlichen Eliteformationen; sie machten die militaristische
Ausdrucksmaskerade der entsprechenden Naziformationen nicht mit, trugen
keine Uniformen und waren »weltanschaulich« nicht besser
geschult als andere Kader der Partei. Dafür war ihre rein militärische
Ausbildung besser; so sehr waren sie noch aus den »alten Tagen«
der Oktober- und Novemberrevolutionen auf den bewaffneten Aufstand und
revolutionäre Machtübernahme eingestellt, daß die bolschewistische
Bewegung charakteristischerweise gerade sie (und nur sie unter den Frontorganisationen)
nicht von innen her zersetzen konnte oder wollte, sondern sie überhaupt
abschaffte. Bei den Nazis lagen die Verhältnisse etwas komplizierter.
Zwar waren auch bei ihnen die paraprofessionellen Verbände, mit
Ausnahme der paramilitärischen, wesentlich Frontorganisationen,
aber die Bewegung konnte gerade aus ihnen - und das hängt mit der
außerordentlichen Attraktion zusammen, die das »Weltanschauliche«
der Bewegung auf die freien Berufe in Deutschland ausübte - oft
ihre radikalsten und verbrecherischsten Elemente rekrutieren.
Die Funktion
der paraprofessionellen Verbände jedoch ist bei beiden totalitären
Bewegungen die gleiche. Sie hängt aufs engste mit dem »totalen«
Charakter der Bewegung zusammen, die eine Organisation aufstellt, die
von vornherein prätendiert, die gesamte Welt, die gesamte Gesellschaft
zu repräsentieren. So wie es das ausgesprochene Endziel der Nazipropaganda
war und die unausgesprochene Praxis des bolschewistischen Systems ist,
nach der Machtergreifung das gesamte Volk als Sympathisierende (aber
nicht als Parteimitglieder) zu organisieren, so ist das Ziel der totalitären
Bewegung, vor der Machtergreifung den Eindruck zu erwecken, daß
man gleichsam komplett sei, das heißt alle Elemente der Gesellschaft
in den eigenen Reihen habe. Die Nazis gingen in der Organisation einer
kompletten Gegen-Welt vor der Machtergreifung noch einen Schritt weiter
als die Bolschewisten und errichteten eine Reihe von Parteiinstitutionen,
die genau nach dem Modell der staatlichen Ministerien gebildet waren.
Keine dieser Parteiabteilungen - für auswärtige Angelegenheiten,
für Erziehung, Kultur, Sport und so weiter - hatte rein beruflich
ein höheres Niveau als die paramilitärischen Verbände.
Alle zusammen bildeten eine vollkommene Scheinwelt, in der jede Realität
der nichttotalitären Welt ihre genaue Entsprechung gefunden hatte.
Diese Verdoppelungstechnik,
so wertlos für die Machtergreifung im allgemeinen wie die paramilitärischen
Verbände für den bewaffneten Aufstand im besonderen, wurde
dann von größter Bedeutung für den sogenannten totalitären
Staat. Aber auch vor der Machtergreifung, innerhalb einer nichttotalitären
Welt, sind die paraprofessionellen Frontorganisationen von größtem
Wert. Sie dienen nicht nur der Komplettierung der fiktiven Welt der
Bewegung, in der alles und alle, vom Straßenfeger bis zum Universitätsprofessor,
vertreten sein muß, sie bilden nicht nur unvergleichliche Werkzeuge
für die Unterminierung der betreffenden Sektoren einer noch nicht
totalitären Gesellschaft und ihres Berufsethos, sondern sie sind,
gleich den paramilitärischen Verbänden, aufs genaueste bestimmten
ideologischen Massenüberzeugungen angepaßt, durch die sie
karikierend das Zerrbild, das die Masse sich von bestimmten Berufsgruppen
gemacht hat, in die Wirklichkeit umsetzen. Der Vorstellung, die in einer
durch Krisen erschütterten Welt verständlich genug ist, daß
die Vertreter des Rechts eigentlich Rechtsbrecher seien, wird entgegengekommen
durch eine Organisation von Juristen, die Rechtsbrecher aus Überzeugung
sind und das Verbrechen juristisch verteidigen; der Vorstellung, daß
Ärzte eigentlich Mörder seien, wird entsprochen durch eine
Ärzteorganisation, die alle diejenigen aufnimmt, die bereit sind,
ihre eugenischen Prinzipien bis zu der Konsequenz des Mordes durchzuführen;
der Vorstellung von der Ignoranz der Gelehrten wird nachgeholfen durch
Verbände an den Universitäten, in denen nicht nur Ignoranz
zugunsten sogenannter Charaktereigenschaften gepredigt, sondern offen
demonstriert wird. Die totalitären Bewegungen, mit anderen Worten,
realisieren das Zerrbild, das die heimatlos und asozial gewordenen Massen
sich von der Gesellschaft gemacht haben, mit der gleichen Konsequenz,
mit der sie die Wahnidee der Weisen von Zion sich zu eigen machen. Die
Führer der Bewegungen, die selbst noch nichttotalitären Verhältnissen
entstammen und die geheimen Wünsche der Massen kennen, wissen sehr
genau, daß hinter dem Zerrbild vom Rechtsvertreter als dem Rechtsverdreher,
vom Arzt als dem Mörder, vom Gelehrten als dem Ignoranten der Wunsch
steht, das Recht zu brechen, Menschen zu töten und das Wissen aus
der Welt zu schaffen. Die totalitären Bewegungen organisieren vor
der Machtergreifung alle diejenigen Elemente in den verschiedenen Berufsgruppen,
die diesen Massenwünschen bereits entsprechen, und verfügen
damit über ein für jede Gruppe in der Gesellschaft spezifisch
geeignetes Instrument der Zersetzung.
Der deutsche
Gleichschaltungsprozeß nach Hitlers Machtergreifung ist wie ein
Schulbeispiel der eminenten Bedeutung der paraprofessionellen Frontorganisationen.
Nur ihnen ist es zu danken, daß die Nazis sofort imstande waren,
nicht nur die politische Macht zu übernehmen, sondern das gesamte
Gesicht der Gesellschaft buchstäblich von einem Tag zum andern
zu verändern. Die im Schoße der nichttotalitären Gesellschaft
gebildete totalitäre Gegengesellschaft war so genau dem Modell
der Wirklichkeit nachgebildet, daß es nicht eine Berufs- oder
Standesgruppe in Deutschland gab, die nicht von einem Tag zum andern
übernommen und gleichgeschaltet werden konnte. Die einzige Organisation,
die nicht direkt zu übernehmen war, war die Armee. In diesem Sinne
war der Prozeß der Gleichschaltung erst beendet und die eigentliche
Bedeutung der paramilitärischen Formationen erst erwiesen, als
im letzten Stadium des Krieges die reguläre militärische Hierarchie
der Autorität von SS-Generälen unterstellt werden konnte.
Die Technik der Gleichschaltung war so erfinderisch neu und unwiderstehlich,
wie der Verfall der beruflichen Standards in allen Gruppen rapid und
radikal war, ein Verfall, der sich naturgemäß auf dem Gebiet
der Kriegsführung unmittelbarer zeigte als in anderen Gebieten
und der in Sowjetrußland, wo die totalitäre Regierungsform
mehr Zeit gehabt hat, sich zu etablieren, und weniger feste berufliche
Traditionen vorgefunden hat, auffallender ist als in Nazideutschland.
Daß
dieser berufliche und technische Verfall den totalitären Herrschern
nicht unbedingt unwillkommen ist und bestimmte politische Machtvorteile
in sich birgt, werden wir später sehen. Jedenfalls gehört
es mit zu der Unterminierungsfunktion der paraprofessionellen Gruppen,
die beruflichen Maßstäbe nach Möglichkeit zu senken
und das spezifische Berufsethos jeder Gruppe zu untergraben. Die eigentümliche
Substanzentleerung, die, entweder bereits vorgebildet, der Grund und
Boden wird, auf dem totalitäre Bewegungen entspringen und gedeihen
können, oder als Vorbedingung totalitärer Herrschaft künstlich
nach der Machtübernahme hergestellt wird, wird durch die paraprofessionellen
Gruppen aufs wirksamste gefördert. Die Tatsache, daß in solchen
Verbänden automatisch diejenigen prominent werden, die an ihrem
Beruf am wenigsten interessiert oder in ihm am schlechtesten weggekommen
sind, ist hierbei sogar von zweitrangiger Bedeutung. Wesentlicher ist,
daß ihre politische Schulung gerade darin besteht, ihren sachlich
gebundenen und daher notwendig limitierten Vorstellungskreis zu »erweitern«,
bis sie gelernt haben, in Jahrhunderten und »Kontinenten zu denken«.
Allgemein gesprochen geht es um die Vorbereitung jener Mentalität,
die mit Himmlers Worten »eine Sache nie um ihrer selbst willen
tut«.
Unter allen
paraprofessionellen Organisationen nehmen die paramilitärischen
eine besondere Stellung ein, weil ihre Bedeutung sich nicht in der Imitation
und Substanzentleerung der regulären Armee erschöpft. Als
Eliteformationen sind sie schärfer von der Außenwelt abgetrennt
als alle anderen Gruppen. Daß totale Einsatzfähigkeit nur
unter der Bedingung totaler Isolierung von der Normalität des Lebens
erreicht werden kann, und das heißt unter der Bedingung totaler
Entwurzelung in jedem Sinn, ist von den Nazis gerade sehr früh
erkannt worden. Niemals fanden die Sturmtruppen Verwendung in ihren
Heimatgemeinden, und die aktiven Kader der SA vor der Machtübernahme
wie der SS unter dem Naziregime wurden so mobil gehalten und so oft
ausgewechselt, daß sie nie Gelegenheit fanden, sich in irgendeinem
Teil der normalen Welt einzugewöhnen und zu verwurzeln. Nach dem
Modell von Verbrecherbanden organisiert und für organisierten Mord
verwandt, haben diese Gruppen die genau entgegengesetzte Funktion aller
anderen paraprofessionellen Verbände: Während es Aufgabe der
Frontorganisationen war, der Bewegung den Anschein der Respektabilität
zu geben und ihren Mitgliedern Vertrauen einzuflößen, ist
es Aufgabe der Elitetruppen, die Umwelt von der Gefährlichkeit
der Bewegung zu überzeugen, sie einzuschüchtern und ihre Mitglieder
durch Komplizität absolut an die Bewegung zu binden . Denn die
Morde der Bewegungen, zum mindesten der Nazibewegung, die für solche
Propagandafragen einen untrüglichen Instinkt hatte, werden von
totalitären Funktionären gerne zugegeben und öffentlich
zur Schau gestellt, so daß die Gesamtverantwortlichkeit aller
Mitglieder außer Zweifel bleibt. Aufgabe der Eliteformationen
und ihrer Morde ist es, die Bewegung in ihrer Gesamtheit schärfer
von der Umwelt zu isolieren und jedem ihrer Mitglieder den Rückweg
in die Normalität nach Möglichkeit zu versperren.
Denn die
organisierten Morde dienen keineswegs nur und nicht einmal primär
dem Zwecke, Bürgerkriegsbedingungen zu schaffen. Diese existieren
meist, bevor die totalitären Bewegungen entstehen, oder sind nach
der Machtergreifung durch den anfänglichen Terror gegen alle politischen
Gegner schnell beseitigt. Damit ist aber die Aufgabe der Elitetruppen
keineswegs mit beseitigt. Die organisierte Gewalt ist für die Bewegung
der wirksamste unter den Schutzwällen, mit denen die Anhänger
von der Außenwelt abgesperrt werden; die Realität der fiktiven
Welt erweist sich am besten, wenn der Austritt aus der Bewegung mehr
gefürchtet wird als die Konsequenz der Komplizität, wenn selbst
unter nichttotalitären Bedingungen und bei offizieller Verfolgung
der Bewegung ein jeder sich sicherer fühlt als ein Mitglied der
Bewegung denn als ihr Gegner. Es ist keineswegs nur der innerparteiliche
Terror, der die fiktive Welt der Bewegung zusammenhält, sondern
ebenso wirksam das Wissen, daß man von der Außenwelt für
die weithin propagierten Verbrechen der Bewegung in jedem Fall mitverantwortlich
gemacht wird und vor dieser Außenwelt wiederum durch die Eliteformationen
und ihre organisierten Gewalttaten geschützt wird.
Im Zentrum
der Bewegung, als der Motor gleichsam, der sie in Bewegung setzt, sitzt
der Führer. Er lebt innerhalb eines intimen Kreises von Eingeweihten,
die ihn von den Eliteformationen trennen und um ihn eine undurchdringliche
Aura des Geheimnisses verbreiten, die seiner eigentümlich ungreifbaren,
legal oft lange nicht festgelegten Vormachtstellung in der Bewegung
entspricht . Seinen Aufstieg zur Macht innerhalb der Bewegung verdankt
er eher einer ungewöhnlichen großen Manövrierbegabung
in innerparteilichen Kämpfen als irgendwelchen demagogischen oder
bürokratisch-organisatorischen Talenten, und er unterscheidet sich
von älteren Diktatorentypen dadurch, daß brutale Gewalt in
seinem Kampf um die innerparteiliche Macht kaum eine Rolle spielt. Trotzki,
und nicht Stalin, war das große rednerisch-demagogische Talent
der russischen Revolution, und Trotzki, und nicht Stalin, hielt als
Chef der Roten Armee das größte Machtpotential der Sowjetunion
in seinen Händen. Ebenso bedurfte Hitler weder der SA noch der
SS, um seine Stellung in der Nazibewegung zu gewinnen und zu sichern.
Röhm, der Chef der SA, dem die Truppe persönlich durchaus
ergeben war, war ein innerparteilicher Gegner Hitlers. Und es ist keine
Frage, daß Trotzki und Himmler organisatorisch Stalin und Hitler
überlegen waren. Was auf der anderen Seite sowohl Hitler als auch
Stalin meisterhaft verstanden, besser als alle Gegner, Konkurrenten
und Kollegen, war eine bis ins letzte Detail interessierte, oft intrigenhaft
sich verstrickende, aber niemals in der bloßen Intrige endende
Personalpolitik. Beide Männer haben die ersten Jahre ihrer Laufbahn
fast ausschließlich solchen personalen Fragen gewidmet, so daß
es nach wenigen Jahren kaum noch einen Funktionär in der Bewegung
gab, der nicht ihnen seine Stellung direkt verdankte. Stalin hat später
diese anfängliche Personalpolitik durch die periodisch wiederkehrenden
Säuberungen der Parteifunktionäre institutionalisiert und
so verhindert, daß die Parteibürokratie sich von seiner direkten,
persönlichen Einflußnahme unabhängig machte -, die jeweils
in der Komintern herrschende Führerschicht fühlte sich ihm
so lange direkt verpflichtet, bis sie in die Nacht der Konzentrationslager
oder in den Nebel der Sanatorien verschwand.
Persönliche
Fähigkeiten des Führers sind unerläßlich nur, solange
die Bewegung sich auf dem Wege zur Totalisierung befindet. Für
die totalitäre Bewegung selbst, ist sie erst einmal vollentwickelt,
ist die Funktion des Führers und seine Position im Zentrum der
Bewegung sehr viel wichtiger als seine persönlichen Eigenschaften.
Das Prinzip »Der Wille des Führers ist das Gesetz der Partei«
besagt, daß die gesamte totalitäre Hierarchie so organisiert
ist, daß sie nur den einen Zweck hat, diesen »Willen«
unmittelbar in allen ihren Rängen zu verwirklichen. Wenn dieses
Stadium der Bewegung erreicht ist, wird der Führer unersetzlich,
weil die ganze komplizierte Struktur der Bewegung ohne seine Befehle
sofort ins Leere stoßen und sich selbst vernichten würde.
Dies ist auch der Grund oder einer der Gründe, warum die Stellung
des Führers in beiden Bewegungen so gesichert gegen Palastrevolutionen
erscheint, und dies trotz nie endender Kabalen der inneren Clique, ständigen
Personalwechsels und der damit verbundenen Anhäufung von Haß
und Ressentiment. An ihrer unbedingten Ergebenheit ändert es nichts,
daß die Leute der näheren Umgebung des Führers sich
meist keinerlei Illusionen über seine persönlichen Fähigkeiten
hingeben. Sie haben die aufrichtige und keineswegs unbegründete
Überzeugung, daß ohne den Führer, gleich wer oder wie
er sei, alles sofort verloren wäre.
Die oberste
Aufgabe des Führers ist es, jene Doppelfunktion zu personifizieren,
die für jede Schicht der Bewegung charakteristisch ist: Er dient
als der magische Schutzwall, der die Bewegung gegen die Außenwelt
verteidigt, und er ist gleichzeitig eine Brücke, durch die sie
wenigstens scheinbar mit ihr verbunden ist und bleibt. Dies geschieht
dadurch, daß er die totale Verantwortung für jede Aktion,
Tat oder Untat, die ein Mitglied oder ein Funktionär in seiner
Eigenschaft als Nazi oder Bolschewik verübt hat, persönlich
auf sich nimmt. Hierdurch unterscheidet er sich auch radikal von jedem
gewöhnlichen Parteiführer, der gerade umgekehrt immer versuchen
wird, Verantwortung mit allen möglichen Organen oder Unterorganen
der Partei zu teilen. Wesentlich in dieser totalen Verantwortlichkeit
ist, daß jeder Funktionär nicht nur vom Führer ernannt
ist, sondern, solange er im Amte ist, als direkte Verkörperung
des Führers agiert -, dies hat zur Folge, daß jeder erteilte
Befehl die Sanktion von einer anscheinend allgegenwärtigen höchsten
Autorität in sich birgt. Diese durchgehende Identifizierung des
Führers mit jedem ernannten Funktionär wie sein Verantwortlichkeitsmonopol
für alles, was innerhalb der Bewegung getan wird, sind deutliche
Zeichen dafür, daß ein totalitärer Führer keineswegs
einem gewöhnlichen Diktator oder einem der uns bekannten Tyrannentypen
gleicht. Ein Tyrann mag seine Untergebenen als Sündenböcke
benutzen, die ihn vor dem Zorn des Volkes bewahren; er würde sich
nie mit seinen Untergebenen und ihren Handlungen von vornherein und
blind identifizieren, sondern würde gerade meinen, daß seine
Macht auf einer absoluten Distanz zwischen ihm und selbst dem obersten
Würdenträger seines Reiches beruht. Der Führer kann Kritik
an seinen Untergebenen nicht dulden, weil sie nicht nur in seinem Namen,
sondern als seine direkten Stellvertreter handeln; ein zugegebener Fehler
oder Irrtum kann im Rahmen einer solchen Organisation nur daraus entstehen,
daß die Verkörperung des Führers mißlungen ist,
daß es sich, mit anderen Worten, um einen Betrüger handelt.
Wenn der Führer daher Irrtümer, eigene oder fremde, zu korrigieren
wünscht, so bleibt ihm gar nichts anderes übrig, als diejenigen,
welche sie ausführten, zu liquidieren; will er seine eigenen Fehler
auf andere abwälzen, so muß er sie töten. Stalin, der
diese Technik zur Meisterschaft entwickelt hatte, pflegte für diejenigen
seiner Handlungen, die er rückgängig zu machen wünschte,
sich im vorhinein eine Liste sozusagen von Unerwünschten anzulegen,
welche als mögliche Schwindler, als zukünftige Personifizierungen
von Irrtümern (die dann natürlich als Verbrechen ausgelegt
wurden) immer in Bereitschaft standen . Die totale Verantwortlichkeit
des Führers für alles, was im Rahmen eines totalitären
Systems geschieht - von außenpolitischen Verhandlungen bis zu
den Entdeckungen der Biologen und den Theorien der Mathematiker -, ist
für den Funktionärsapparat die wichtigste Fiktion der Bewegung,
weil sie automatisch ausschließt, daß ein Funktionär
sich je für das, was er tut, verantwortlich fühlen kann oder
fürchten muß, zur Verantwortung gezogen zu werden. Als einer
der vielen, mit denen der Führer beschlossen hat, sich zu identifizieren,
oder die er auserwählt hat, seine Verkörperung zu sein, kann
er zwar liquidiert werden, wenn sich herausstellen sollte, daß
der Führer die Identifikation mit der ihm gerade zuerteilten Aufgabe
nicht mehr wünscht-, in keinem Fall wird er in die Lage kommen,
sich ein solches böses Ende selbst zuschreiben zu müssen.
In diesem Zusammenhang hat auch die totalitäre Methode, den Funktionären
niemals die Gründe für bestimmte Aufgaben anzugeben und sich
auf ihren blinden Gehorsam zu verlassen, sehr viel ernstere und gewichtigere
Hintergründe als die unmittelbaren Zweckmäßigkeitserwägungen
militärischer Organisationen. Ein totales Verantwortungsmonopol
ist nur zu erreichen, wenn es auf der Grundlage eines totalen Willensmonopols
errichtet wird, wenn wirklich ein Wille sich in einer Pluralität
von Menschen einheitlich manifestiert. Dies setzt voraus, daß
die Grundlage der Willensbildung, nämlich das Wissen um das notwendige
Hin und Her der Gründe, das aus der Vieldeutigkeit aller Umstände
entspringt, seinerseits monopolisiert ist.
In dem
Maße, in dem der Führer die Erklärungen für. alle
Handlungen der Bewegung monopolisiert hat, erscheint er der Außenwelt
als der einzige in der Bewegung, mit dem man noch in nichttotalitären
Begriffen sprechen kann, weil er wenigstens weiß und zugibt, daß
er weiß, was er tut. Er ist der einzige, der auf Entgegnungen
nicht antworten kann: Frag nicht mich, frag den Führer! Darum kann
der Führer, der das Zentrum der Bewegung bildet, sich dennoch so
gebärden, als stände er über ihr. Es ist daher auch durchaus
verständlich und leider durchaus sinnlos -, daß Außenstehende
immer wieder ihre Hoffnungen auf eine persönliche Aussprache mit
dem Führer selbst setzen, wenn sie es mit totalitären Bewegungen
oder Regierungen zu tun bekommen. Die gleichzeitige Übernahme eines
totalen Verantwortungs- und eines totalen Erklärungsmonopols ermöglicht
es dem totalitären Führer, innerhalb der Bewegung der Radikalste
der Radikalen zu sein und nach außen trotzdem in der Maskerade
des ehrenwert-naiven Sympathisierenden zu erscheinen. In diesem Sinne
verkörpert der Führer in der Tat alle Schichten und alle Aspekte
der Bewegung in einer Person.
Die
Konzentrationslager
Die Konzentrations-
und Vernichtungslager dienen dem totalen Herrschaftsapparat als Laboratorien,
in denen experimentiert wird, ob der fundamentale Anspruch der totalitären
Systeme, daß Menschen total beherrschbar sind, zutreffend ist.
Hier handelt es sich darum, festzustellen, was überhaupt möglich
ist, und den Beweis dafür zu erbringen, daß schlechthin alles
möglich ist. (Demgegenüber sind alle anderen Experimente,
vor allem medizinischer Natur, über deren Ungeheuerlichkeit die
Prozesse gegen die Ärzte des Dritten Reiches so ausführlich
berichten, sekundär, wenn auch charakteristisch bleibt, daß
diese Laboratorien eben für Experimente aller Art verwendet wurden.)
Totale Herrschaft, die darauf ausgeht, alle Menschen in ihrer unendlichen
Pluralität und Verschiedenheit so zu organisieren, als ob sie alle
zusammen nur einen einzigen Menschen darstellten, ist nur möglich,
wenn es gelingt, jeden Menschen auf eine sich immer gleichbleibende
Identität von Reaktionen zu reduzieren, so daß jedes dieser
Reaktionsbündel mit jedem anderen vertauschbar ist. Es handelt
sich dabei darum, das herzustellen, was es nicht gibt, nämlich
so etwas wie eine Spezies Mensch, deren einzige »Freiheit«
darin bestehen würde, die »eigene Art zu erhalten".
Dieses Resultat versucht die totale Herrschaft gleichzeitig durch ideologische
Indoktrination in den Eliteformationen und durch absoluten Terror in
den Lagern zu erreichen, wobei die Greueltaten, zu denen man die Eliteformationen
rücksichtslos einsetzt, gleichsam die praktische Fortsetzung der
ideologischen Indoktrination sind, dasjenige, an dem sie sich zu beweisen
hat, während das unerhörte Schauspiel der Lager selber der
»theoretischen« Verifikation der Ideologie dienen soll.
Die Lager dienen nicht nur der Ausrottung von Menschen und der Erniedrigung
von Individuen, sondern auch dem ungeheuerlichen Experiment, unter wissenschaftlich
exakten Bedingungen Spontaneität als menschliche Verhaltensweise
abzuschaffen und Menschen in ein Ding zu verwandeln, das unter gleichen
Bedingungen sich immer gleich verhalten wird, also etwas, was selbst
Tiere nicht sind; denn der Pawlowsche Hund, den man bekanntlich darauf
dressiert hatte, nicht zu essen, wenn er hungrig war, sondern wenn eine
Glocke ertönte, war ein pervertiertes Tier.
Unter normalen Umständen ist dies niemals zu erreichen, weil Spontaneität
nie ganz auszuschalten ist, sofern mit ihr nicht nur menschliche Freiheit,
sondern Leben überhaupt im Sinne des einfach Lebendigbleibens zusammenhängt.
Nur in den Konzentrationslagern ist dieses Experiment überhaupt
möglich, und sie sind daher nicht nur "La société
la plus totalitaire encore réalisée" (David Rousset),
sondern darüber hinaus das richtunggebende Gesellschaftsideal für
die totale Herrschaft überhaupt. So wie die Stabilität des
totalitären Regimes von der Isolierung der fiktiven Welt der Bewegung
von der Außenwelt abhängt, so hängt das Experiment der
totalen Herrschaft in den Konzentrationslagern daran, daß sie
auch innerhalb eines totalitär regierten Landes sicher gegen die
Welt aller anderen, die Weit der Lebenden überhaupt, abgedichtet
sind. Mit dieser Abdichtung hängt die eigentümliche Unwirklichkeit
und Unglaubwürdigkeit zusammen, die allen Berichten aus den Lagern
innewohnt und eine der Hauptschwierigkeiten für das wirkliche Verständnis
der totalen Herrschaftsformen bildet, deren Existenz mit der Existenz
der Konzentrations- und Vernichtungslager steht und fällt; denn
diese Lager sind, so unwahrscheinlich dies klingen mag, die eigentliche
zentrale Institution des totalen Macht- und Organisationsapparats. Die
Berichte der Überlebenden von Konzentrations- und Vernichtungslagern
sind außerordentlich zahlreich und von auffallender Monotonie.
Je echter diese Zeugnisse sind, desto kommunikationsloser sind sie,
desto klagloser berichten sie, was sich menschlicher Fassungskraft und
menschlicher Erfahrung entzieht. Sie lassen den Leser kalt, stoßen
ihn, wenn er sich ihnen wirklich überläßt, in das gleiche
apathische Nichtmehr-Begreifen, in dem sich der Berichterstatter bewegt,
und sie lösen fast niemals jene Leidenschaften des empörten
Mitleidens aus, durch die von jeher Menschen für die Gerechtigkeit
mobilisiert wurden. (Vergleiche hierzu die Wirkungen des Hollywood-Films
"Holocaust" - Klaus Höfig)Trotz überwältigender
Beweise haftet das Odium der Unglaubwürdigkeit, mit dem Berichte
aus Konzentrationslagern zuerst aufgenommen wurden, immer noch jedem
an, der davon berichtet -, und je entschlossener der Berichterstatter
in die Welt der Lebenden zurückgekehrt ist, desto stärker
wird ihn selbst der Zweifel an seiner eigenen Wahrhaftigkeit ergreifen,
als verwechsele er einen Alptraum mit der Wirklichkeit. In dieser an
sich selbst und der erlebten Realität irre werdenden Unsicherheit
gibt sich nur kund, was die Nazis schon immer gewußt haben; daß
es nämlich, ist man zum Verbrechen entschlossen, zweckmäßig
ist, Verbrechen in allergrößtem, allerunwahrscheinlichstem
Maßstabe zu inszenieren. Nicht nur, daß solchermaßen
alle Strafen, die in einem Rechtssystem vorgesehen sind, inadäquat
und lächerlich werden; die Ungeheuerlichkeit der begangenen Untaten
schafft automatisch eine Garantie dafür, daß den Mördern,
die mit Lügen ihre Unschuld beteuern, eher Glauben geschenkt wird
als den Opfern, deren Wahrheit den gesunden Menschenverstand beleidigt.
Die Nazis haben sich auf diesen automatischen Schutz so sehr verlassen,
daß sie es nicht einmal für nötig gehalten haben, diese
Entdeckung für sich zu behalten; Hitler hat in Millionen von Exemplaren
verbreitet, daß Lügen nur dann Erfolg haben können,
wenn sie enorm sind, das heißt, wenn sie sich nicht damit abgeben,
einzelne Tatsachen innerhalb eines intakt gelassenen Tatsächlichkeitszusammenhangs
zu leugnen, wobei dann die intakte Tatsächlichkeit die Lüge
immer an den Tag bringt, sondern wenn sie die gesamte Tatsächlichkeit
so umlügen, daß alle einzelnen erlogenen Tatbestände
in einem in sich stimmigen Zusammenhang eine fiktive Welt an die Stelle
der wirklichen setzen. Dies hat bekanntlich so wenig verhindert, daß
ihm geglaubt wurde, wie die hundertfach wiederholten Ankündigungen,
daß Juden Parasiten seien, die man ausrotten müsse, dazu
führten, an ein systematisches Ausrottungsprogramm zu glauben .
Man kann sich dem Bann dieser in der Sache selbst liegenden Unglaubwürdigkeit
auf manche Weise entziehen. Der Weg zur totalen Herrschaft führt
über viele Zwischenstadien, für die man zahlreiche Analogien
und Präzedenzfälle finden kann. Der außerordentlich
blutige Terror im Anfangsstadium einer totalen Herrschaft dient in der
Tat nur dazu, den politischen Gegner zu erledigen und alle Opposition
unmöglich zu machen; der totale Terror wird aber erst losgelassen,
wenn das Anfangsstadium überwunden ist und das Regime keinerlei
Opposition mehr zu fürchten hat. Hierzu hat man vielfach bemerkt,
daß in diesem Falle eben das Mittel zum Zweck geworden ist, was
schließlich nur das in ein Paradoxon gekleidete Zugeständnis
ist, daß die Zweck-Mittel-Kategorie nicht mehr funktioniert, daß
Terror »zwecklos« geworden ist, daß er nicht mehr
das Mittel ist, um Menschen in Schrecken zu versetzen. Auch die aus
Betrachtungen der Französischen Revolution stammende Erklärung,
daß die Revolution eben ihre eigenen Kinder verschlinge, versagt,
wenn der Terror weitergeht, nachdem alles, was man so bezeichnen könnte
-die russischen Fraktionen, die Machtzentren in Partei, Armee und Bürokratie
-, bereits verschlungen ist. Vieles, was heute zur Spezialität
totaler Herrschaftsapparate geworden ist, ist aus der Geschichte nur
zu bekannt. Angriffskriege hat es nahezu immer gegeben; das Niedermetzeln
feindlicher Bevölkerungen im Falle des Sieges ist erst durch das
römische parcere subiectis einigermaßen eingedämmt worden;
die Ausrottung von Eingeborenenvölkern begleitete durch die Jahrhunderte
die Besiedlung von Amerika, Australien und Afrika; Sklaverei ist eine
der ältesten Einrichtungen der Menschheit, und auf der Verwendung
von Staatssklaven für die Errichtung öffentlicher Bauten haben
alle Reiche der Antike beruht. Nicht einmal Konzentrationslager sind
eine Erfindung totalitärer Bewegungen. Sie tauchen zum ersten Mal
zu Beginn des Jahrhunderts im Burenkrieg auf und sind dann weiterhin
in Südafrika wie in Indien für »unerwünschte Elemente«
benutzt worden -, hier finden wir auch zum ersten Mal den Ausdruck »protective
custody«, der dann zu der »Schutzhaft« des Dritten
Reiches wurde. Diese Lager entsprechen durchaus den Konzentrationslagern
zu Beginn der totalen Herrschaft; man benutzte sie für »Verdächtige«,
denen man ein Vergehen nicht nachweisen und die man im ordentlichen
Strafvollzug nicht verurteilen konnte. All dies hat einen deutlichen
Bezug zu totalen Herrschaftsmethoden; es sind Elemente, die sie benutzen,
weiterentwickeln, kristallisieren aufgrund des ihnen bereits selbstverständlichen
nihilistischen Prinzips: alles ist erlaubt. Wo immer aber diese neuen
Herrschaftsmethoden ihre wirklich totale Struktur erhalten, gehen sie
über dieses an den Nutzen und das Interesse der Machthaber gebundene
Prinzip hinaus und versuchen sich in dem uns bisher gänzlich unbekannten
Spielraum des »alles ist möglich«. Und dieser Spielraum
ist gerade dadurch charakterisiert, daß weder Nutzen noch wie
immer verstandenes Interesse ihm Grenzen ziehen.
Was dem gesunden Menschenverstand zuwiderläuft, ist nicht das nihilistische
»alles ist erlaubt«, das sogar in der utilitaristischen
Ausprägung des gesunden Menschenverstandes im 19. Jahrhundert bereits
enthalten ist. (Der Utilitarismus hält allerdings die angesprochene
Zweck-Mittel-Relation aufrecht, der Zweck bleibt eben doch immer das
größte Glück der größten Menge, und er hat
damit ein Korrektiv gegen nihilistische Tendenzen - Klaus Höfig)Was
der gesunde Menschenverstand, was »normale Menschen« nicht
glauben,- ist, daß alles möglich ist. Die größte
Schwierigkeit, die einem angemessenen Verstehen des totalitären
Phänomens entgegensteht, ist diese Stimme des Unglaubens, die in
jedem von uns sitzt und uns mit den Argumenten des gesunden Menschenverstandes
schlecht zuredet. So versucht man als »Verbrechertum« zu
klassifizieren, was doch unter keiner solchen Kategorie je vorgesehen
war. Was soll man mit dem Begriff des Mordes anfangen, wenn man mit
der Fabrikation von Leichen konfrontiert ist? Man versucht andererseits,
das Verhalten der Lagerinsassen in psychologischen Kategorien aller
Art zu verstehen, und vergißt, daß es darauf ankommt, zu
begreifen, daß das, was man gemeinhin »Seele« nennt
(oder Charakter), zerstört werden kann, ohne daß dabei der
körperliche Mensch notwendig mit zerstört werden muß,
ja, daß Seele, Charakter, Individualität sich offenbar unter
bestimmten Bedingungen nur in der Schnelligkeit oder Langsamkeit manifestieren,
mit der sie zugrunde gehen. Das Endresultat sind jedenfalls entseelte
und das heißt psychologisch nicht mehr zu begreifende Menschen,
deren Rückkehr in die psychologisch oder anders zu begreifende
Menschenwelt in der Tat der Wiederauferstehung des Lazarus auf das genaueste
gleicht. Alle Erklärungen des gesunden Menschenverstandes, alle
Vergleiche aus der Geschichte, alles Pochen auf Präzedenzfälle
dienen schließlich nur dazu, es als »oberflächlich«
ablehnen zu dürfen, »beim Grauen zu verweilen« .
Wenn es richtig ist, daß die Konzentrationslager die konsequenteste
Institution totaler Herrschaft sind, dann dürfte zu ihrer Erkenntnis
ein Verweilen beim Grauen unerläßlich sein. Dies kann die
rückschauende Erinnerungsreportage ebensowenig leisten wie der
kommunikationslose Augenzeugenbericht. Die ihnen innewohnende Richtung
wendet sich von dem Erlebten fluchtartig ab; sie wissen instinktiv oder
ausdrücklich
zu genau
über den furchtbaren Abgrund Bescheid, der die Welt der Lebenden
von der der lebenden Toten trennt, als daß sie mehr geben könnten
als eine Reihe erinnerter Begebenheiten, die ihnen selbst ebenso unglaubwürdig
erscheinen müssen wie denen, die sie hören. Nur die antizipierende
Angst, die sich an solchen Berichten entzündet, der ja aber faktisch
noch nichts auf den Leib gerückt ist und die deshalb noch frei
ist von der tierisch verzweifelten Furcht, die vor dem real gegenwärtigen
Grauenhaften unweigerlich alles lähmt, was nicht bloße Reaktion
ist - nur sie kann es sich gewissermaßen leisten, beim Grauen
zu verweilen. Dies hat einen Sinn nur für die Erkenntnis politischer
Zusammenhänge und die Mobilisierung politischer Leidenschaften.
Eine wie immer geartete Veränderung von Personen kann das Verweilen
beim Grauenhaften ebensowenig bewirken wie das reale Erlebnis des Grauens.
Die Reduktion des Menschen auf ein Reaktionsbündel trennt ihn von
allem, was »Person« oder »Charakter« in ihm
ist, mit der gleichen Radikalität wie die Geisteskrankheit. Als
wiederauferstandener Lazarus findet er seine Person oder seinen Charakter
unverändert wieder vor, so wie er ihn verlassen hatte.
So wenig das Grauen oder das Verweilen bei ihm eine Charakterveränderung
bewirken, Menschen besser oder schlechter machen kann, so wenig kann
es zur Grundlage einer politischen Gemeinschaft oder Partei im engeren
Sinne werden. Versuche, auf dem intereuropäisch erfahrenen Konzentrationslager
eine europäische Elite mit einem Programm intereuropäischer
Verständigung aufzubauen, sind ähnlich gescheitert wie Versuche
nach dem Ersten Weltkrieg, aus dem internationalen Frontkämpfererlebnis
politische Konsequenzen zu ziehen. Hier wie dort stellte sich heraus,
daß die Erlebnisse selbst nur nihilistische Banalitäten mitteilen
können. Politische Konsequenzen, wie etwa der Nachkriegspazifismus,
stammten aus der allgemeinen Angst vor dem Kriege, nicht aus dem Erlebnis
des Krieges. Die von der Angst geleitete und mobilisierte Einsicht in
die Struktur moderner Kriege hätte, statt zu einem realitätslosen
Pazifismus, dazu führen können, als Maßstab eines notwendigen
Krieges nur noch die Bekämpfung von Zuständen anzuerkennen,
unter welchen man nicht mehr zu leben wünscht - und unsere Erfahrungen
mit den Lagern und Marterhöllen totalitärer Regime haben uns
über die Möglichkeit solcher Zustände nur zu gut belehrt.
So könnte die von der Angst vor den Konzentrationslagern geleitete
Einsicht in die Natur totaler Herrschaft dazu dienen, alle veralteten
politischen Differenzierungen von rechts bis links zu entwerten und
neben und über sie den politisch wesentlichsten Maßstab für
die Beurteilung von Ereignissen in unserer Zeit einzuführen, nämlich:
ob sie einer totalen Herrschaft dienen oder nicht.
Auf jeden Fall hat die antizipierende Angst den großen Vorteil,
die sophistisch-dialektischen Interpretationen der Politik aufzulösen,
die alle auf dem Aberglauben beruhen, daß aus dem Bösen etwas
Gutes entstehen könne. Solche dialektischen Kunststücke hatten
so lange wenigstens noch einen Schein von Berechtigung, als das Böseste,
was der Mensch dem Menschen antun konnte, Mord war. Mord aber ist, wie
wir heute wissen, noch etwas begrenzt Böses. Der Mörder, der
einen Menschen tötet, der ohnehin sterben muß, bewegt sich
noch innerhalb des uns bekannten Reichs von Leben und Tod; beide haben
in der Tat einen notwendigen Zusammenhang miteinander, auf den die Dialektik
sich gründet, auch wenn sie sich seiner nicht immer bewußt
ist. Der Mörder hinterläßt einen Leichnam und behauptet
nicht, daß sein Opfer nie existiert habe; wenn er Spuren verwischt,
so die seiner eigenen Identität, nicht die der Erinnerung und Trauer
derer, die sein Opfer liebten; er vernichtet ein Leben, aber er vernichtet
nicht die Tatsache einer Existenz überhaupt.
Die Nazis mit der ihnen eigentümlichen Präzision pflegten
die Konzentrationslager-Operationen unter der Rubrik »Nacht und
Nebel« zu verbuchen. Die Radikalität dieser Maßnahmen,
Menschen so zu behandeln, als ob es sie nie gegeben hätte, sie
im wörtlichsten Sinne verschwinden zu lassen, ist oft auf den ersten
Blick nicht ersichtlich, weil das deutsche wie das russische System
nicht einheitlich ist, sondern eine Reihe von Gliederungen kennt, in
denen Menschen sehr verschieden behandelt werden. Dabei pflegten in
den deutschen Lagern diese verschiedenen Kategorien sich in dem gleichen
Lager zu befinden, ohne doch miteinander in Berührung zu kommen;
die Isolierung zwischen den Kategorien war oft noch erheblich strikter
durchgeführt als die Isolierung von der Außenwelt. So wurden
in Deutschland während des Krieges die Angehörigen der skandinavischen
Völker aus rassischen Erwägungen prinzipiell anders behandelt
als die Angehörigen von anderen Völkern, obwohl es sich hier
nur um ausgesprochene Feinde der Nazis handelte. Diese wiederum waren
danach eingeteilt, ob die »Ausmerzung« des betreffenden
Volkes unmittelbar auf der Tagesordnung, wie im Falle der Juden, oder
in der absehbaren Zukunft zu erwarten stand, wie im Falle der Polen,
Russen und Ukrainer, oder ob über solch eine pauschale »Endlösung«
noch kein Bescheid vorlag, wie im Falle der Franzosen, der Belgier.
In Rußland andererseits muß man drei voneinander mehr oder
minder unabhängige Systeme unterscheiden. Es gibt dort erstens
wirkliche Zwangsarbeiterkolonnen, die in relativer Freiheit leben und
nur auf Zeit verurteilt sind. Es gibt ferner Konzentrationslager, in
denen das Menschenmaterial zwar rücksichtslos ausgebeutet wird
und die Todesrate außerordentlich hoch ist, die aber im wesentlichen
ebenfalls für Arbeitszwecke zusammengefaßt sind. Und es gibt
drittens die Vernichtungslager, in denen die Insassen durch Hunger und
Vernachlässigung systematisch ausgerottet werden.
Das eigentliche Grauen der Konzentrations- und Vernichtungslager besteht
darin, daß die Insassen, selbst wenn sie zufällig am Leben
bleiben, von der Welt der Lebenden wirksamer abgeschnitten sind, als
wenn sie gestorben wären, weil der Terror Vergessen erzwingt. Der
Mord geschieht hier ganz ohne Ansehen der Person; er kommt dem Zerdrücken
einer Mücke gleich. Es mag einer sterben, weil er den systematischen
Folterungen erliegt oder dem Hunger oder weil das Lager überbelegt
ist und überflüssiges Menschenmaterial liquidiert werden muß.
Umgekehrt kann es auch vorkommen, daß bei Mangel an neu eingeliefertem
Menschenmaterial die Gefahr entsteht, daß die Lager sich entvölkern,
und daß nun der Befehl herauskommt, die Todesrate mit allen Mitteln
herunterzudrücken. David Rousset nannte seinen Bericht über
die Zeit in einem deutschen Konzentrationslager Les Jours de Notre Mort,
und es ist wahr, daß es ist, als hätte man eine Möglichkeit
entdeckt, das Sterben selbst permanent zu machen, einen Zustand zu erzwingen,
in dem Tod wie Leben gleich wirksam verhindert werden.
Das Grauen vor dem radikal Bösen weiß, daß hier das
Ende des Umschlagens von Qualitäten und Entwicklungen gekommen
ist. Hier gibt es weder politische noch geschichtliche, noch einfach
moralische Maßstäbe, sondern höchstens die Erkenntnis,
daß es in der modernen Politik um etwas zu gehen scheint, worum
es eigentlich in der Politik, wie wir sie gewöhnlich verstehen,
nie gehen dürfte, nämlich um alles oder nichts - um alles,
und das ist eine unbestimmte Unendlichkeit von Formen menschlichen Zusammenlebens,
oder nichts, und das ist im Falle der Konzentrationslager ebenso exakt
der Untergang des Menschen wie im Falle der Wasserstoffbombe der Untergang
des Menschengeschlechts. Es gibt keine Parallele zu dem Leben in den
Konzentrationslagern. Was immer sich uns als solche darbietet, vernebelt
uns den Sinn und lenkt die Aufmerksamkeit vom Wesentlichen ab. Zwangsarbeit,
Verbannung, Sklaverei scheinen alle einen Augenblick lang trostreich
aufzuleuchten, um bei näherer Überlegung ins Wesenlose zu
versinken.
Zwangsarbeit als Strafe ist begrenzt nach Zeit und Intensität.
Der Bestrafte behält das Recht über seinen Körper; er
ist nicht nur nicht absolut gequält, er ist nicht einmal absolut
beherrscht. Verbannung verbannt nur aus einem bestimmten Teil der Welt
in eine andere, ebenfalls von Menschen bewohnte Welt; sie stößt
nicht aus der Menschenwelt überhaupt aus. Sklaverei war, wo immer
sie historisch auftrat, eine Institution innerhalb einer Gesellschaftsordnung;
Sklaven wurden nicht, wie die Lagerinsassen, den Augen und damit der
Kontrolle der Umwelt entzogen; als Arbeitsmittel hatten sie einen bestimmten
Preis und als Eigentum einen bestimmten Wert. Der »Konzentrationär«
hat keinen Preis, weil er jederzeit ersetzt werden kann, und er gehört
niemandem zu eigen. Er ist, was das Leben der normalen Gesellschaft
angeht, vollkommen überflüssig, obwohl er wegen der großen
Knappheit an Arbeitskräften in Deutschland während des Krieges
zur Arbeit verwendet wurde und obwohl das russische System die Einrichtung
der Lager und das ungeheure in ihnen konzentrierte Menschenmaterial
auch dazu benutzt, Angebot und Nachfrage auf dem Arbeitsmarkt zu regeln.
Diese Regelung erfolgt durch eine planmäßige Regelung der
Todesrate in den Lagern.
Nirgends sind bisher Konzentrationslager um der möglichen Arbeitsleistung
willen eingerichtet worden; ihre einzige ökonomische Funktion war
und ist die Finanzierung des sie bewachenden Apparats, und das heißt:
ökonomisch sind die Konzentrationslager um ihrer selbst willen
da. Überall hätte die gleiche Arbeit, wenn Arbeit geleistet
wurde, unter anderen Bedingungen unvergleichlich viel besser und billiger
geleistet werden können. Gerade Rußland, dessen Konzentrationslager
zumeist als Zwangsarbeitslager beschrieben werden, weil die sowjetische
Bürokratie sie mit diesem Titel belegt und beschönigt hat,
zeigt am deutlichsten, daß es sich um Zwangsarbeit nicht handelt-,
Zwangsarbeit ist die normale Lebensbedingung des gesamten russischen
Proletariats, dessen Freizügigkeit aufgehoben ist und das ohnehin
beliebig jederzeit überallhin mobilisiert werden kann. Die Unglaubwürdigkeit
der Greuel hängt aufs engste mit ihrer ökonomischen Zwecklosigkeit
zusammen. Die Nazis haben diese Zwecklosigkeit bis zur offenen Zweckwidrigkeit
getrieben, als sie mitten im Kriege und bei offenbarem Mangel an rollendem
Material Millionen von Juden transportierten und riesige, kostspielige
Vernichtungsfabriken anlegten. Durch den offenbaren Widerspruch dieser
Veranstaltungen zu den Notwendigkeiten der Kriegshandlungen gaben sie
dem ganzen Unternehmen inmitten einer zweckbeherrschten Welt den Anschein
einer verrückten Irrealität.
Solche aus scheinbarer Sinnlosigkeit stammende Irrealität liegt
aber de facto allen Formen der Konzentrationslager zugrunde. Von außen
gesehen sind sie und was in ihnen sich abspielt nur mit Bildern zu beschreiben,
die aus der Vorstellungswelt von einem Leben nach dem Tode stammen,
nämlich von einem Leben, das irdischen Zwecken enthoben ist. Mit
einer verblüffenden Genauigkeit könnte man Konzentrationslager
in Typen einteilen, welche den drei wesentlichen abendländischen
Vorstellungen von einem Leben nach dem Tode im Hades, im Fegefeuer und
in der Hölle entsprechen. Dem Hades würden jene verhältnismäßig
milden Formen des vernachlässigenden Aus-dem-Wege-Räumens
entsprechen, die für unerwünschte Elemente aller Arten -Flüchtlinge,
Staatenlose, Asoziale, Arbeitslose - auch in nichttotalitären Staaten
in Mode zu kommen drohten, sie haben als DP-Camps, das heißt wieder
als Lager für lästig und überflüssig gewordene Menschen,
den Krieg überdauert. Das Fegefeuer stellt sich in jenen vorgeblichen
Arbeitslagern der Sowjetunion dar, in denen sich Vernachlässigung
mit chaotischem Arbeitszwang vereint. Die Hölle schließlich
im wortwörtlichsten Verstande bilden jene nur von den Nazis bis
zur Vollendung ausgebildeten Typen, in welchen das gesamte Leben nach
dem Gesichtspunkt der größtmöglichen Quälerei systematisch
durchorganisiert war. Allen drei Typen ist gemeinsam, daß die
in sie verschlagenen Menschen so behandelt werden, als ob sie nicht
mehr existierten, als ob das, was mit ihnen geschehe, nicht mehr und
für niemanden zähle, als seien sie bereits gestorben und als
amüsiere sich nun, bevor sie zur ewigen Ruhe zugelassen werden,
noch irgendein verrückt gewordener böser Geist damit, sie
zwischen Leben und Tod eben ein wenig aufzuhalten.
Es ist nicht so sehr der Stacheldraht wie die fabrizierte und kunstvoll
hergestellte Unwirklichkeit derer, die er einzäunt, welche zu so
ungeheuerlichen Grausamkeiten provoziert und die Vernichtung schließlich
als eine durchaus normale Maßnahme erscheinen läßt.
Nichts von dem, was sich in den Lagern abgespielt hat, ist uns unbekannt
aus perversen und bösartigen Phantasiewelten. Was so schwer zu
verstehen ist, ist gerade der Umstand, daß diese grausigen Verwirklichungen
sich nicht weniger in einer Phantomwelt abspielen als jene Phantasien,
in einer Welt nämlich, in der es weder Konsequenzen noch Verantwortung
gibt, so daß schließlich weder Peiniger noch Gepeinigte
und am wenigsten der Außenstehende begreifen können, daß
es sich um mehr handelt als ein grausames Spiel oder einen dummen Traum.
Die Filme, die die Alliierten nach Kriegsende in Deutschland und im
Ausland laufen ließen, haben nur zu deutlich erwiesen, daß
der Irrsinns- und Irrealitätscharakter der fotografierten Begebenheiten
aller reinen Reportage standhält. Für den unbefangenen Zuschauer
kommt ihnen etwa soviel Überzeugungskraft zu wie den Fotografien
mysteriöser Substanzen in spiritistischen Sitzungen. Der gesunde
Menschenverstand reagierte auf die Greuel von Buchenwald oder Auschwitz
mit dem plausiblen Argument: »Was müssen die Leute nur angestellt
haben, daß dies mit ihnen geschah?« Oder, in Deutschland
und Österreich inmitten der Hungersnot, der Übervölkerung
und des allgemeinen Hasses: »Wie schade, daß man nicht mehr
Juden vergast hat!« Oder überall mit dem Kopfschütteln
des Mißtrauens gegen einen besonders unwirksamen Propagandatrick.
Wenn die Propaganda der Wahrheit ihrer Ungeheuerlichkeit wegen den noch
normalen Spießbürger nicht überzeugt, so hat sie eine
desto gefährlichere Wirkung auf diejenigen, welche aus ihren eigenen
Phantasiemöglichkeiten wissen, daß sie so etwas tun könnten,
und aus diesem Grunde nur zu froh sind, an die Realität des Gezeigten
zu glauben. Urplötzlich stellt sich heraus, daß, was die
menschliche Phantasie seit Jahrtausenden in ein Reich jenseits menschlicher
Kompetenz verbannt hat, tatsächlich herstellbar ist. Hölle
und Fegefeuer und selbst ein Abglanz ihrer ewigen Dauer können
errichtet werden, indem man Menschen mit den modernsten Mitteln der
Destruktion und der Heilkunst unendlich lange sterben läßt.
Was diesen Typen, von denen es in jeder Großstadt sehr viel mehr
gibt, als wir gerne wahrhaben möchten, beim Anblick dieser Filme
oder beim Lesen jener Reportagen aufgeht, ist, daß die Macht des
Menschen größer ist, als sie sich einzugestehen wagten, und
daß man höllische Phantasien realisieren kann, ohne daß
der Himmel einstürzt und die Erde sich auftut.
Das einzige, was nicht realisierbar bleibt, ist zugleich dasjenige,
was allein die traditionellen Höllenvorstellungen menschlich erträglich
machte: das Jüngste Gericht und die Vorstellung eines absoluten
Maßstabes der Gerechtigkeit, verbunden mit der unendlichen Möglichkeit
der Gnade. Denn nach menschlichem Ermessen gibt es kein Verbrechen und
keine Sünde, die mit der Höllenstrafe und ihrer Ewigkeit kommensurabel
wären. Daher die erregte Frage des gesunden Menschenverstandes:
Was müssen diese Menschen verbrochen haben, um so unmenschlich
zu leiden? Daher aber auch die absolute Unschuld der Opfer: dies hat
kein Mensch je verdient. Daher schließlich die groteske Willkür
der Auswahl der Lagerinsassen in jedem vervollkommneten Terrorstaat:
Diese »Strafe« kann mit gleichem Recht und mit gleichem
Unrecht über jeden verhängt werden.
Verglichen mit der Irrsinnswelt der Konzentrationslagergesellschaft
selbst, die von der Phantasie nie ganz erreicht werden kann, weil sie
außerhalb von Leben und Tod steht, ist der Prozeß, durch
den Menschen auf sie präpariert und gleichsam zugerichtet werden,
einsichtig und zweckvoll. Der irrsinnigen Massenfabrikation von Leichen
geht die historisch und politisch verständliche Präparation
lebender Leichname voran. Den Anstoß und, was mehr ist, die schweigende
Billigung solch unerhörter Zustände in der Mitte Europas haben
jene Ereignisse erzeugt, weiche in einer Periode untergehender politischer
Formen plötzlich Hunderttausende und dann Millionen von Menschen
heimatlos, staatenlos, rechtlos machten, wirtschaftlich überflüssig
und sozial unerwünscht. An ihnen hatte sich bereits erwiesen, daß
die Menschenrechte, welche ohnehin weder philosophisch begründet
noch politisch je gesichert gewesen waren, auch ihre rein proklamatorische,
appellierende Wirkung verloren und in ihrer traditionellen Form zumindest
nirgends mehr Geltung hatten. Dies aber sind nur die negativen Vorbedingungen;
schließlich war der Verlust des Arbeitsplatzes und damit des angestammten
Platzes in der Gesellschaft, wie die Arbeitslosigkeit ihn mit sich gebracht
hatte, oder der bei den Staatenlosen eingetretene Verlust von Paß,
Heimat, gesichertem Aufenthalt und Recht auf Erwerb nur eine sehr vorläufige,
summarische Vorbereitung, die für das Endresultat schwerlich ausgereicht
hätte.
Der erste
entscheidende Schritt auf dem Wege zur totalen Herrschaft ist nichtsdestoweniger
die Tötung der juristischen Person, die im Falle der Staatenlosigkeit
automatisch dadurch erfolgt, daß der Staatenlose außerhalb
allen geltenden Rechtes zu stehen kommt. Im Falle der totalen Herrschaft
wird aus dieser automatischen Tötung ein geplanter Mord, der dadurch
eintritt, daß die Konzentrationslager immer außerhalb des
normalen Strafvollzugs gestellt werden und die Insassen niemals »zur
Ahndung von strafbaren oder sonst verwerflichen Taten« eingeliefert
werden dürfen."' Unter allen Umständen achtet die totale
Herrschaft darauf, in den Lagern Menschen zu versammeln, die nur noch
sind - Juden, Bazillenträger, Exponenten absterbender Klassen -,
aber ihre Fähigkeit zu handeln, zur Tat wie zur Missetat, bereits
verloren haben. Propagandistisch ausgedrückt heißt dies,
die »Schutzhaft« als eine »polizeiliche Präventivmaßnahme«
handhaben, das heißt als eine Maßnahme, die Menschen des
Handelns beraubt. Aus diesem Grunde werden Verbrecher immer erst nach
Verbüßung ihrer Strafe eingeliefert, wenn von dem Verbrechen
nicht mehr die Rede ist und man behaupten kann, es mit jemandem zu tun
zu haben, der ein Verbrecher ist, unabhängig davon, was er tut
oder läßt. Abweichungen von dieser Regel in Rußland
sind aus einem akuten Mangel an Gefängnissen zu erklären"'
und vielleicht auch aus dem noch nicht geglückten Versuch, das
gesamte Justizsystem abzuschaffen und durch die Polizeiverwaltung und
ihre Konzentrationslager zu ersetzen.
Dennoch darf das Element der Verbrecher in keinem Konzentrationslager
fehlen. Es dient einerseits dem Propagandaanspruch der Institution,
daß sie nur für asoziale Elemente bestimmt sei, und andererseits
der Entmachtung des regulären Justizsystems: Nicht nur werden die
Verbrecher erst eingeliefert, wenn die Justiz ihnen gerade wieder den
Anspruch auf Freiheit zuerkannt hat, sondern die Behandlung in den Lagern
ist so ungeheuer viel schlechter als in allen Gefängnissen und
Zuchthäusern, daß sich immer herausstellt, daß die
eigentliche Strafe erst beginnt, wenn die von ordentlichen Gerichten
verhängte Strafzeit abgebüßt ist. Dennoch bleiben die
Verbrecher die einzigen, bei denen das, was sie getan haben, in einem
klar nachweisbaren Zusammenhang mit dem steht, was ihnen geschieht.
Das aber heißt nur, daß bei ihnen wenigstens Spuren gleichsam
Erinnerungsspuren -ihrer juristischen Person erhalten bleiben, und die
Tatsache, daß sie fast ausnahmslos die Aristokratie der Lager
bildeten und die administrativen Funktionen erfüllten, zeigt deutlich,
daß es erheblich schwerer ist, die juristische Person in einem
Menschen zu töten, der sich etwas hat zuschulden kommen lassen,
als in einem völlig Unschuldigen. Der Aufstieg des Verbrechers
in die Aristokratie der Lager ähnelt auffallend der Verbesserung,
die in der juristischen Lage der Staatenlosen, welche ja auch ihre bürgerlichen
Rechte verloren haben, eintritt, sobald sie sich zu einem Diebstahl
entschließen.
Die Vorherrschaft der Verbrecher in den Lagern ist in Nazideutschland
während des Krieges zeitweise von der der Kommunisten abgelöst
worden, da unter den chaotischen Bedingungen einer Verbrecheradministration
nicht einmal ein Minimum rationeller Arbeitsleistung möglich war.
Das besagt nur, daß die Konzentrationslager - aber niemals die
Vernichtungslager! -sich unter dem Druck des Krieges zeitweise in Zwangsarbeitslager
verwandelten. Typisch aber ist, daß diese Kriegsadministration
niemals in die Hände der »Unschuldigen« fiel, sondern
derjenigen, bei denen nach den Verbrechern noch am meisten Zusammenhang
zwischen Handeln und Leiden bestehengeblieben war. Es ist auch ein Irrtum,
zu glauben, daß die Tatsache der Verbrecheraristokratie mit einer
Affinität zwischen Wachmannschaften und den verbrecherischen Elementen
unter den Insassen zusammenhängt, denn die sowjetrussischen Wachmannschaften
im Unterschied zu den SS-Kommandeuren war nicht speziell auf Verbrecher
trainiert, und dennoch bilden auch dort die Verbrecher die Aristokratie
der Lager. Worauf es ankommt, ist, daß bei den Verbrechern und
den Politischen die Zerstörung der juristischen Person nicht voll
gelingen kann, weil sie wissen, warum sie dort sind. Die Politischen
befinden sich dabei im Nachteil, weil auf sie dies nur subjektiv zutrifft.
Wirkliche Gegner werden ohnehin erledigt, und ihre Handlungen, sofern
sie überhaupt noch Handlungen waren und nicht nur Gesinnungen oder
zufällige Beziehung zu politischen Gegnern, sind von dem normalen
Rechtssystem des Landes nicht vorgesehen und juristisch nicht definierbar.
Gerade darum wurden sie ja in Polizeigewahrsam gebracht.
Verbrecher
gehören eigentlich nicht in das Konzentrationslager. Daß
sie dennoch eine permanente Kategorie in allen Lagern bilden, ist vom
Standpunkt des totalen Herrschaftsapparats aus gesehen eine Art Konzession
an die Vorurteile der Gesellschaft, die man auf diese Weise am leichtesten
an die Existenz der Lager gewöhnen kann. Das Amalgam von Verbrechern
mit allen anderen Kategorien hat außerdem den Vorteil, allen anderen
Ankömmlingen sofort schockartig klarzumachen, daß sie auf
der untersten Stufe der Gesellschaft gelandet sind."' Zwar stellt
sich bald heraus, daß die Neuankömmlinge allen Grund haben,
jeden beliebigen Raubmörder um sein Schicksal zu beneiden; aber
für den Anfang ist die unterste Stufe ein guter Ausgangspunkt.
Und nach außen ist es ein gutes Mittel der Verschleierung: Dies
passiert nur Verbrechern, sagt man der Gesellschaft; nichts Schlimmeres,
als was eben Verbrechern geschieht, wird dir passieren, sagt man dem
Neuankömmling.
Zu dem Amalgam von Politischen und Verbrechern, mit dem in Deutschland
wie Rußland die Konzentrationslager begannen, fügt sich sehr
früh ein drittes Element, das bald die Majorität aller Insassen
bilden sollte. Diese größte Gruppe besteht aus Menschen,
die überhaupt nichts getan haben, was, sei es in ihrem eigenen
Bewußtsein oder im Bewußtsein ihrer Peiniger, in irgendeinem
rationalen Zusammenhang mit ihrer Haft steht. Ohne sie hätten die
Lager niemals existieren beziehungsweise die ersten Jahre des Regimes
überleben können. Man braucht sich nur die Belegschaftsstärke
von Buchenwald in den Jahren nach 1936 anzusehen, um zu verstehen, wie
absolut notwendig das Element der Unschuldigen für die Fortexistenz
der Lager war. »Die Lager wären ausgestorben, wenn die Gestapo
bei den Verhaftungen nur mehr von dem Grundsatz der Gegnerschaft ausgegangen
wäre«, und Buchenwald war Ende des Jahres 1937 mit noch nicht
eintausend Insassen dem Aussterben nahe, bis dann die Novemberpogrome
mehr als zwanzigtausend Neuankömmlinge brachten. In Deutschland
war dies Element der Unschuldigen seit 1938 massenhaft vertreten, in
Rußland durch beliebige Gruppen der Bevölkerung, die aus
irgendeinem mit ihren Handlungen in keinerlei Zusammenhang stehenden
Grunde mißliebig geworden waren. Aber wenn die Wendung zu dem
eigentlich totalitär geleiteten Konzentrationslager mit seinem
enormen Überwiegen völlig »unschuldiger« Insassen
in Deutschland erst im Jahre 1938 gemacht wurde, geht sie in Rußland
auf das Ende der zwanziger Jahre zurück, wo bis zum Jahre 1930
die Majorität der Konzentrationslager-Bevölkerung noch aus
Verbrechern, Konterrevolutionären und »Politischen«
(das heißt in diesem Falle Angehörigen abweichender Fraktionen)
bestanden hat. Seitdem sind der Unschuldigen in den Lagern so viele,
daß es schwer hält, sie in Kategorien zu fassen Leute, die
irgendwelchen Kontakt mit dem Ausland hatten, Russen polnischer Herkunft
(vor allem in den Jahren 1936 bis 1938), Bauern, deren Dörfer aus
irgendeinem planwirtschaftlichen Grunde liquidiert werden, Nationalitäten,
die ausgesiedelt werden, demobilisierte Soldaten der Roten Armee, die
zufällig zu Regimentern gehörten, die zu lange für Besatzungszwecke
im Ausland gewesen oder in deutsche Kriegsgefangenschaft geraten waren,
und was dergleichen mehr ist.
Diese in jedem Sinne vollkommen Unschuldigen bilden nicht nur die Majorität
der Lagerbevölkerung, sie sind auch diejenigen, die schließlich
in den deutschen Gaskammern »ausgemerzt« wurden. Nur in
ihnen konnte der Mord der juristischen Person so vollständig durchgeführt
werden, daß sie ohne Namen und ohne Taten oder Missetaten, an
denen man sie hätte erkennen können, in den Massenfabriken
des Todes »verarbeitet« werden konnten, die zudem schon
ihrer Fassungskraft wegen individuelle Fälle gar nicht mehr berücksichtigen
konnten. (Ein Jude etwa, der sich wirklich gegen das Naziregime »vergangen«
hatte, kam dort gar nicht erst herein, er wurde sofort erschossen oder
totgeschlagen.) Die Gaskammern waren von vornherein weder als Abschreckungs-
noch als Strafmaßnahme gedacht; sie waren bestimmt für Juden
oder Zigeuner oder Polen »überhaupt«, und sie dienten
letztlich dem Beweis, daß Menschen überhaupt überflüssig
sind. Innerhalb der Konzentrationslager waren diese zur Vernichtung
bestimmten Kategorien die gleichsam wandelnden Exempel dessen, was ein
Mensch überhaupt ist und wert ist; an diesem Exempel hatten alle
anderen sich zu messen, um schließlich, hätte dieses Massenmorden
nicht ein Ende genommen, an diesen Status des Menschen überhaupt
assimiliert und ihrerseits ausgerottet zu werden.
Der Willkür der Einlieferungen steht zumeist eine in sich sinnlose,
aber organisatorisch zweckmäßige Einleitung der Insassen
in bestimmte Kategorien gegenüber. Die Hauptkategorien in den deutschen
Konzentrationslagern waren Verbrecher, Politische, Asoziale, Religiöse
und Juden, die durch Abzeichen kenntlich gemacht waren. Die so viel
unerfahreneren Franzosen führten nicht nur, als sie nach dem Ende
des spanischen Bürgerkrieges an die Errichtung von Konzentrationslagern
gingen, sofort auch die typische totalitäre Amalgamierung von Politischen
mit Verbrechern und Unschuldigen ein, wobei die letzteren durch Staatenlose
repräsentiert waren, sondern erwiesen sich im Erfinden sinnloser
Kategorien innerhalb der Lager sogar besonders erfinderisch. 133 Ursprünglich
zur Verhinderung von Solidarisierungen der Insassen erfunden, bewährte
sich dieses Mittel besonders dadurch, daß niemand wissen konnte,
ob es besser oder schlechter war, zu der einen oder der anderen Kategorie
zu gehören. In Deutschland wurde diesem ewig schwankenden, in sich
aber pedantisch genau abgeteilten Gebäude ein Schein von Solidität
dadurch gegeben, daß die Juden ein für allemal und unter
allen Umständen die unterste Kategorie darstellten. Das grotesk
Grauenhafte an diesen Einteilungen war, daß die Häftlinge
sich buchstäblich mit ihnen identifizierten, als seien sie ein
letzter authentischer Rest ihrer verlorenen juristischen Person. Selbst
wenn man von allen anderen Umständen absieht, ist es kein Wunder,
wenn ein Kommunist von 1933 kommunistischer, ein Jude jüdischer
oder, in Frankreich, die Frau eines Fremdenlegionärs überzeugter
von dem Wert der Fremdenlegion aus den Lagern herauskamen, als sie hineingegangen
waren; schien es doch, als ob diese Kategorien einen letzten Rest von
voraussehbaren Handlungen gewährleisteten, als ob in ihnen sich
eine letzte und daher fundamentale Identität ihrer juristischen
Person offenbare.
Während die Einteilung der Insassen in Kategorien nur eine taktisch-organisatorische
Maßnahme für die Verwaltung der Lager ist, zeigt die Willkür
der Einlieferungen das wesentliche Prinzip der Institution als solcher
an. Die Existenz einer politischen Opposition ist für das Konzentrationslagersystem
nur ein Vorwand, und sein Zweck ist nicht erreicht, wenn infolge ungeheuerlichster
Abschreckung die Bevölkerung sich mehr oder minder freiwillig gleichschaltet,
das heißt ihrer politischen Rechte begibt. Die Willkür bezweckt
die bürgerliche Entrechtung aller von einem totalitären Regime
Beherrschten, die schließlich in ihrem eigenen Lande so vogelfrei
werden wie sonst nur Staaten- und Heimatlose. Die Entrechtung des Menschen,
die Tötung der juristischen Person in ihm ist Vorbedingung für
sein totales Beherrschtsein, dem selbst freie Zustimmung hinderlich
ist."' Und dies gilt nicht nur von speziellen Kategorien wie Verbrechern,
politischen Gegnern, Juden, an denen die Sache ausprobiert wird, sondern
von jedem Einwohner eines totalitären Staates.
Jede, auch die tyrannischste Begrenzung dieser Willkür auf bestimmte
Gesinnungen religiöser oder politischer Art, auf bestimmte Verhaltensweisen
geistiger oder erotischer oder sozialer Natur, auf bestimmte neu erfundene
»Verbrechen« würde nicht nur die Lager überflüssig
machen, weil diesem Übermaß drohenden Grauens auf die Dauer
keine Haltung und keine Gesinnung gewachsen ist, sondern würde
vor allem auch ein neues Rechtssystem einführen, das bei einer
Stabilität wieder eine juristische Person im Menschen auferstehen
lassen müßte, die sich dem totalen Herrschaftsanspruch entzieht.
Der sogenannte »Volksnutzen« der Nazis, ewig schwankend
(denn was heute nützlich ist, kann morgen schädlich sein),
und die dauernd sich ändernde Parteilinie der Sowjetunion, die,
da sie auch nach rückwärts verbindlich ist, gleichsam täglich
beliebig neue Gruppen von Menschen für die Konzentrationslager
freistellt, sind die einzige Garantie für die Fortexistenz der
Konzentrationslager und also für die totale Entrechtung des Menschen.
Der nächste entscheidende Schritt in der Präparierung lebender
Leichname ist die Ermordung der moralischen Person. Dies geschieht wesentlich
dadurch, daß zum ersten Male in der Geschichte Märtyrertum
unmöglich gemacht worden ist."' Denn die Lager und der Mord
des politischen Gegners sind nur Teile eines Systems des Vergessens,
das sich nicht nur auf die Mittel öffentlicher Meinungsbildung
wie das gedruckte und gesprochene Wort erstreckt, sondern bis in die
Familien und Freundeskreise des Betroffenen greift, wo es Trauer und
Erinnerung unmittelbar verhindert. Die Frauen, die in der Sowjetunion
sich sofort nach der Verhaftung des Mannes scheiden lassen, um ihren
Kindern das Leben zu sichern, und den eventuell Zurückkehrenden
verzweifelt, ja empört aus dem Hause weisen, gehören wohl
mit zu den furchtbarsten Zeichen dessen, was Menschen aus Menschen machen
können.
Die abendländische Weit hat bisher noch immer, auch in ihren dunkelsten
Zeiten, dem getöteten Feinde das Recht auf Erinnerung als eine
selbstverständliche Anerkennung dessen, daß wir alle Menschen
(und nur Menschen) sind, zugestanden. Nur weil Achill selbst sich zu
Hektors Begräbnis rüstete, nur weil auch die despotischsten
Regierungen den toten Feind ehrten, nur weil die Römer den Christen
erlaubten, ihre Märtyrergeschichten zu schreiben, nur weil die
Kirche ihre Ketzer in der Erinnerung der Menschen erhielt, war und konnte
nie alles schlechthin verloren sein. Sterben konnte man immer für
seine Überzeugungen. Indem die Konzentrationslager den Tod selbst
anonym machten - in der Sowjetunion ist es nahezu unmöglich, auch
nur festzustellen, ob einer schon tot oder noch lebendig ist -, nahmen
sie dem Sterben den Sinn, den es immer hatte haben können. Sie
schlugen gewissermaßen dem einzelnen seinen eigenen Tod aus der
Hand, zum Beweise, daß ihm nichts mehr und er niemandem mehr gehörte.
Sein Tod war nur die Besiegelung dessen, daß es ihn niemals gegeben
hatte.
Gegen diesen Angriff auf die moralische Person des Menschen, sofern
sie in der Gesellschaft und im Zusammenleben mit anderen Menschen verankert
ist, hätte es gleichwohl noch die Möglichkeit gegeben, sich
auf das Gewissen zu berufen und seinen unsicheren Trost, daß es
immerhin noch besser war, als Opfer zu sterben, denn als Beamter des
Sterbens zu leben. Diesen individualistischen Ausweg der moralischen
Person haben die totalitären Regierungen dadurch abgeschnitten,
daß sie die Entscheidung des Gewissens selbst absolut fragwürdig
und zweideutig gemacht haben.
Wie ein Mensch entscheiden soll, der vor die Wahl gestellt wird, entweder
seine Freunde zu verraten und damit zu ermorden oder seine Frau und
Kinder, für die er ja in jedem Sinne verantwortlich ist, dem Tode
preiszugeben, ist schlechthin nicht mehr auszumachen, vor allem dann
nicht, wenn Selbstmord automatisch Mord an der eigenen Familie bedeutet.
Die Alternative ist hier nicht mehr zwischen Gut und Böse, sondern
zwischen Mord und Mord. Klarer wird die Situation noch an dem Beispiel,
das Camus zitiert: von der Frau in Griechenland, der die Nazis die Wahl
überließen, welches von ihren drei Kindern getötet werden
solle.
In der Schaffung von Lebensbedingungen, in denen Gewissen schlechthin
nicht mehr ausreicht und das Gute unter keinen Umständen mehr getan
werden kann, wird die bewußt organisierte Komplizität aller
Menschen an den Verbrechen totalitärer Regime auch auf die Opfer
ausgedehnt und damit wirklich »total« gemacht. Wir wissen
aus vielfachen Beschreibungen, bis zu welchem Grade die »Konzentrationäre«
mit in die eigentlichen Verbrechen der SS verwickelt wurden, indem man
ihnen -den Verbrechern, den Politischen, den Juden in den Ghetti und
Vernichtungslagern - weite Teile der Verwaltung überließ
und sie damit dem nie zu lösenden Konflikt auslieferte, entweder
ihre Freunde in den Tod zu schicken oder andere, ihnen zufällig
nicht bekannte Menschen ermorden zu helfen. Dabei ist noch nicht einmal
entscheidend, daß der Haß von den eigentlichen Schuldigen
abgelenkt wird (natürlich waren die Kapos mehr verhaßt als
die SS), sondern daß der Unterschied zwischen Henker und Opfer,
zwischen schuldig und unschuldig vernichtet wird.
Das einzige, was nach Tötung der moralischen Person noch übrigbleibt,
um zu verhindern, daß Menschen lebende Leichname sind, ist die
Tatsache der individuellen Differenziertheit, der eigentümlichen
Identität. Diese hätte sich eventuell in der Haltung eines
konsequenten Stoizismus steril konservieren lassen, und es ist kein
Zweifel, daß viele Menschen unter dem totalen Herrschaftsanspruch
sich in diese absolute Vereinzelung einer recht und gewissenlosen Persönlichkeit
gerettet haben und noch täglich retten. Es ist auch keine Frage,
daß dieser Bestandteil der menschlichen Person, gerade weil er
so wesentlich von Natur und willensmäßig unkontrollierbaren
Mächten abhängt, am schwersten zu zerstören ist (wie
er nach der Zerstörung auch am schnellsten wieder auflebt).
Der Mittel, mit dieser Eigentümlichkeit der menschlichen Person
fertig zu werden, sind vielfache, und wir wollen es uns und den Lesern
ersparen, sie wirklich aufzuzählen. Sie beginnen mit den ungeheuerlichen
Verhältnissen bei Transporten in die Lager, wenn Hunderte von Menschen
in einem Viehwagen splitternackt, buchstäblich aneinandergeklebt,
tagelang zum Vergnügen auf der Landkarte umhergefahren werden;
sie setzen ihr Werk fort mit der Einlieferung in die Lager, dem wohlorganisierten
Schock der ersten Stunden, dem Kahlscheren des Schädels, der grotesken
Einkleidung; und sie enden in all den völlig unvorstellbaren, genau
berechneten Torturen, denen der menschliche Körper keineswegs und
sicher nicht schnell zu erliegen braucht. Sie laufen jedenfalls darauf
hinaus, den Körper des Menschen in seinen unendlichen Leidensmöglichkeiten
so auszuwerten und zu handhaben, daß er die menschliche Person
nicht anders und mit nicht geringerer Folgerichtigkeit zerstört
als gewisse organisch bedingte Geisteskrankheiten.
Es ist genau auf dieser Station der Präparierung, daß der
sinn- und zwecklose Irrsinn der ganzen Angelegenheit überwältigend
in Erscheinung tritt. Zwar spielen Torturen in jedem Stadium des Justiz-
und Polizeiwesens totalitärer Regime eine zentrale Rolle; sie gehören
zur täglichen Routine der Aussagenerpressung. Diese Art von Tortur
hat, da sie einen bestimmten, rationalen Zweck verfolgt, auch bestimmte
Grenzen: der Gefangene macht entweder seine Aussagen innerhalb einer
bestimmten Zeit oder er wird totgeschlagen. In den ersten Konzentrationslagern
des Naziregimes wie in den Marterhöllen der Gestapo setzte neben
dieser rational geleiteten Tortur bereits eine andere, irrational und
pervertiert sadistische ein, die zumeist von der SA ausgeführt
wurde. Zu ihren Kennzeichen gehörte es, daß sie keinerlei
Zwecke verfolgte, nicht systematisch durchorganisiert war, sondern voll
auf der Initiative einzelner, zumeist anomaler Elemente beruhte, daß
die von ihr verursachte Sterblichkeit so hoch war, daß nur sehr
wenige Häftlinge aus dem Jahre 1933 diese ersten Jahre überhaupt
überlebten und daß sie nicht so sehr eine durchdachte politische
Institution zu sein schien als eine Konzession des Regimes an seine
verbrecherischen und anomalen Elemente, denen durch Konzentrationslager
und Gestapokeller Vergnügungsmaterial gleichsam als Prämie
für erwiesene Dienste zur Verfügung gestellt wurde. Hinter
der blinden Vertiertheit jener SA-Leute war oft deutlich ein überwältigender
Haß des Ressentiments zu spüren gegen alle sozial oder geistig
oder körperlich besser Weggekommenen, die man nun, als Erfüllung
unmöglich geglaubter Wunschträume, in seiner Macht hatte.
Es ist bezeichnend, daß dieses Ressentiment, von dem auch noch
später in den Konzentrationslagern einiges zu spüren war,
auf uns wie ein letzter Rest menschlich verstehbaren Verhaltens wirkt.
Das eigentlich Grauenhafte der Lager jedoch ist gerade, daß diese
spontane Vertiertheit in den deutschen Lagern mehr und mehr zurücktrat,
nachdem die SS ihre Verwaltung übernommen hatte, und von einer
absolut kalten, absolut berechneten und systematischen Zerstörung
der menschlichen Körper zum Zwecke der Zerstörung der menschlichen
Würde abgelöst wurde, die sich genug in der Gewalt hatte,
den Tod zu verhindern oder auf unabsehbar lange Zeit hinauszuschieben.
Die Lager waren jetzt nicht mehr der Tummel- und Vergnügungsplatz
von Bestien in Menschengestalt, das heißt von Menschen, die eigentlich
in Schwachsinnigenheime, Irrenanstalten und Gefängnisse gehörten,
sondern umgekehrt: sie wurden zu den Exerzierplätzen, auf denen
vollkommen normale Menschen zu vollgültigen Mitgliedern der SS
erzogen wurden.
Die Tötung
der Individualität, der Einmaligkeit der menschlichen Person, die,
zu gleichen Teilen von Natur, Willen und Schicksal gebildet, uns in
ihrer unendlichen Verschiedenheit so selbstverständliche Voraussetzung
aller menschlichen Beziehungen geworden ist, daß uns identische
Zwillinge bereits ein gewisses Unbehagen verursachen, erzeugt ein Grauen,
das über die Empörung der rechtlich-politischen und die Verzweiflung
der moralischen Person weit hinausgeht. Hier setzen die nihilistischen
Verallgemeinerungen des Konzentrationslagererlebnisses an, die, plausibel
genug, behaupten, daß im Grunde alle Menschen die gleichen Bestien
seien. In Wahrheit demonstrieren die Erfahrungen der Konzentrationslager,
daß es in der Tat möglich ist, Menschen in Exemplare der
menschlichen Tierart zu verwandeln, und daß die »Natur«
nur insofern »menschlich« ist, als sie es dem Menschen freistellt,
etwas höchst Unnatürliches, nämlich ein Mensch, zu werden.
Daß die Zerstörung der Individualität nach Ermordung
der moralischen und Vernichtung derjuristischen Person in nahezu allen
Fällen gelingt, geht am klarsten aus dem Verhalten der Inhaftierten
selbst hervor. Es mag noch aus irgendwelchen Gesetzen der Massenpsychologie
erklärlich sein, daß die Millionen von Menschen sich widerstandslos
in den Gastod haben abkommandieren lassen, obwohl ja auch diese Gesetze
nichts anderes erklären als die Rückgängigmachung der
Individuation. Wesentlicher in diesem Zusammenhang ist es, daß
auch einzeln zum Tode Verurteilte nur sehr selten versucht haben, einen
ihrer Henker mitzunehmen, daß es kaum ernsthafte Revolten gegeben
hat und daß selbst im Moment der Befreiung es kaum zu irgendwelchen
spontanen Metzeleien der SS gekommen ist. Denn die Zerstörung der
Individualität ist identisch mit der Ertötung der Spontaneität,
der Fähigkeit des Menschen, von sich aus etwas Neues zu beginnen,
das aus Reaktionen zu Umwelt und Geschehnissen nicht erklärbar
ist. Was danach übrigbleibt, sind jene unheimlichen, weil mit wirklichen,
menschlichen Gesichtern ausgestatteten Marionetten, die sich alle benehmen
wie der Pawlowsche Hund, die alle bis in den Tod vollkommen verlässig
reagieren und nur reagieren. Das ist der größte Triumph des
Systems.
So schwer es scheint, totalitäre Bewegungen und die Institutionen
totaler Herrschaft zu verstehen, wenn man diejenigen Maßstäbe
des Interesses und der Zweckmäßigkeit anlegt, die sie selbst
ausdrücklich als überaltert, sentimental und bürgerlich
ablehnen, so leicht ist es, das, was sie tun, zu begreifen, wenn man
den Totalitätsanspruch ernst nimmt und einmal annimmt, daß
totale Herrschaft keine Utopie ist. Dann erweist sich, daß die
in den Lagern etablierte Gesellschaft des Sterbens die einzige Form
ist, in der es gelingen kann, sich des Menschen total zu bemächtigen.
Dem totalen Herrschaftsanspruch bleibt gar nichts anderes übrig,
als jede Spontaneität, wie sie in der einfachen Existenz der Individualität
sich jederzeit durchsetzt, zu liquidieren und sie in allen Formen privatester
Lebensäußerung aufzuspüren, ganz gleich wie unpolitisch
oder harmlos diese erscheinen mögen. Der Pawlowsche Hund, das auf
die elementarsten Reaktionen reduzierte Exemplar der Tierspezies Mensch,
das jederzeit liquidiert und durch andere, sich identisch verhaltende
Reaktionsbündel abgelöst werden kann, ist das außerhalb
der Lager immer nur unvollkommen verwirklichbare Modell des »Bürgers«
eines totalitären Staates.
Die Unzweckmäßigkeit der Lager, ihre zynisch zugestandene
Zweckwidrigkeit, ist nur scheinbar. In Wahrheit dienen sie effektiver
der Aufrechterhaltung der Macht des Regimes als jede andere seiner Institutionen.
Ohne die Lager, ohne die unbestimmte Angst vor ihnen und ohne die sehr
bestimmte Erziehung zu totaler Herrschaft, die nirgendwo sonst in ihren
radikalsten Möglichkeiten ausprobiert werden könnte, kann
eine totale Herrschaft weder ihre Kerntruppen fanatisieren noch ein
ganzes Volk in kompletter Apathie erhalten. Herrscher wie Beherrschte
würden nur zu schnell wieder in »bürgerlichen Schlendrian«
verfallen, sie würden dem Weiterleben und seinen menschlichen Gesetzen
nach anfänglichen »Ausschreitungen« anheimfallen, kurz,
sie würden sich in jener Richtung entwickeln, die alle vom gesunden
Menschenverstand beratenen Beobachter so sehr vorauszusagen liebten.
Der tragische Fehlschluß dieser noch aus einer gesicherten Welt
stammenden Prophezeiungen lag darin, daß man glaubte, es gebe
so etwas wie eine ein für allemal festgelegte Natur des Menschen,
die man selbstverständlicherweise mit den historischen Gegebenheiten
identifizierte und der zufolge der Totalitätsanspruch selbst in
der Tat nicht sowohl unmenschlich wie unrealistisch war. Inzwischen
haben wir erfahren, daß die Macht des Menschen so groß ist,
daß er wirklich sein kann, was er zu sein wünscht.
Es liegt in der Natur eines totalen Anspruchs, daß der Machtanspruch
totalitärer Regime prinzipiell unbegrenzbar ist. Er wäre nur
gesichert, wenn buchstäblich alle Menschen, ohne eine einzige Ausnahme,
in allen ihren Lebensäußerungen zuverlässig beherrscht
würden. Der außenpolitischen Notwendigkeit, sich ständig
neue neutrale Gebiete zu unterwerfen, entspricht die innenpolitische
Notwendigkeit, immer neue Menschengruppen in immer erweiterten Konzentrationslagern
total zu beherrschen und gegebenenfalls zu liquidieren, um wieder neuen
Raum zu schaffen. Die Frage der Gegnerschaft spielt hierbei außenpolitisch
wie innenpolitisch gar keine Rolle. Jede Neutralität, ja, jede
spontan dargebrachte Freundschaft ist vom Standpunkt einer totalen Beherrschung
genauso gefährlich wie klare Feindschaft, eben weil Spontaneität
als solche in ihrer Unberechenbarkeit das größte Hemmnis
der totalen Herrschaft über den Menschen ist. Die nach Moskau geflohenen
oder berufenen Kommunisten nichtrussischer Länder haben diese ihre
Gefährlichkeit für das Sowjetregime nur zu sehr am eigenen
Leibe erfahren. »Überzeugte« Kommunisten sind in diesem
heute allein noch realen Sinne genauso bedrohlich für das Regime
in Rußland wie seine Gegner. Was Überzeugung und Gesinnung
jeglicher Art in totalitären Verhältnissen so lächerlich
und so gefährlich macht, ist dies: daß dieses Regimes höchster
Stolz gerade darin liegt, ihrer und damit menschlicher Hilfe überhaupt
nicht zu bedürfen. Menschen, sofern sie mehr sind als reaktionsbegabte
Erfüllungen von Funktionen, deren unterste und daher zentralste
die rein tierischen Reaktionen bilden, sind für totalitäre
Regime schlechterdings überflüssig. Worum es ihnen geht, ist
nicht, ein despotisches Regime über Menschen zu errichten, sondern
ein System, durch das Menschen überflüssig gemacht werden.
Totale Macht ist zu leisten und zu gewährleisten nur, wenn es auf
nichts anderes mehr ankommt als auf absolut kontrollierbare Reaktionsbereitschaft,
auf restlos aller Spontaneität beraubte Marionetten. Menschen sind,
gerade weil sie so mächtig sind, vollkommen nur dann zu beherrschen,
wenn sie Exemplare der tierischen Spezies Mensch geworden sind.
Daher ist nicht nur Charakter gefährlich und nicht nur jede, auch
die ungerechteste Rechtsgrundlage ein Hindernis, sondern Eigentümlichkeit
selbst in ihrer allgemeinsten und banalsten Form der Verschiedenartigkeit.
So lange nicht erreicht ist, was bisher eben nur in Konzentrationslagern
voll erreichbar war, daß alle Menschen gleichermaßen überflüssig
sind, so lange ist das Ideal totaler Herrschaft nicht erreicht. Die
Überflüssigkeit des Menschen wird in totalitären Staaten
dauernd, wenn auch nie ganz vollkommen, hergestellt durch die willkürlichen
Einlieferungen beliebiger Menschengruppen in Konzentrationslager, durch
dauernde Säuberungen des herrschenden Apparats, durch ungeheuerliche
Massenliquidationen. Den verzweifelten Hinweisen des gesunden Menschenverstandes
auf die Überflüssigkeit der gigantischen Apparatur des Terrors
gegen ganz und gar fügsame Menschenmassen könnten die totalen
Machthaber, wenn sie die Wahrheit sagen wollten, antworten: Dieser Apparat
erscheint euch nur überflüssig, weil er der Überflüssigmachung
von Menschen dient.
Der Versuch der totalen Herrschaft, in den Laboratorien der Konzentrationslager
das Überflüssigwerden von Menschen heraus zu experimentieren,
entspricht aufs genaueste den Erfahrungen moderner Massen von ihrer
eigenen Überflüssigkeit in einer übervölkerten Welt
und der Sinnlosigkeit dieser Welt selbst. Die Gesellschaft der Konzentrationäre,
in der täglich und stündlich gelehrt wird, daß Strafe
keinen Sinnzusammenhang mit einem Vergehen zu haben, daß Ausbeutung
niemandem Profit zu bringen und daß Arbeit kein Ergebnis zu zeitigen
braucht, ist ein Ort, wo jede Handlung und jede menschliche Regung prinzipiell
sinnlos sind, wo mit anderen Worten Sinnlosigkeit direkt erzeugt wird.
Gegen diese Sinnlosigkeit, die es so erschwert, den eigentlichen Kern
der Konzentrationslager überhaupt zu erfassen, steht die Tatsache,
daß innerhalb der Ideologie der totalitären Bewegungen nichts
»logischer« und konsequenter ist, als daß man »absterbende«
Klassen oder parasitäre Rassen oder dekadente Völker eben
auch wirklich zum Absterben bringt. In diesem Sinne ist die Schwierigkeit,
totalitäre Politik und die Institutionen der totalen Herrschaft
zu verstehen, gerade umgekehrt, daß sie zu »logisch«,
zu konsequent die Folgerungen ziehen, die ihren Ideologien inhärent
sind.
Während
so die totale Herrschaft einerseits alle Sinnzusammenhänge zerstört,
mit denen wir normalerweise rechnen und in denen wir normalerweise handeln,
errichtet sie andererseits eine Art Suprasinn, durch den in absoluter
und von uns niemals erwarteter Stimmigkeit jede, auch die absurdeste
Handlung und Institution ihren »Sinn« empfängt. Über
der Sinnlosigkeit der totalitären Gesellschaft thront der Suprasinn
der Ideologien, die behaupten, den Schlüssel zur Geschichte oder
die Lösung aller Rätsel gefunden zu haben. Hierbei zeigt sich
nachträglich, daß die Ideologien des 19. Jahrhunderts und
die kuriosen »Weltanschauungen« des wissenschaftlichen Aberglaubens
und der Halbbildung nur so lange harmlos sind, als niemand im Ernst
an sie glaubt. Sobald ihr Anspruch auf absolute und totale Geltung ernst
genommen wird, entwickeln sie sich zu logischen Systemen, in denen nun
jegliches zwangsläufig folgt, weil eine erste Prämisse axiomatisch
angenommen ist. Dabei liegt die eigentliche Verrücktheit dieser
Systeme nicht so sehr in der Prämisse selbst als in der zwangsläufigen
Folgerichtigkeit, mit der aus ihr geschlossen wird, und in der um alle
Realitätserfahrung unbekümmerten Konsequenz, mit der alle
Folgerungen in die Wirklichkeit umgesetzt werden. In dem bekannten Wunsch,
ein eindeutiges Weltbild, eine in sich stimmige Weltanschauung zu haben,
der aus der Erfahrungsunfähigkeit der modernen Massen stammt und
der eigentliche Motor aller Ideologien ist, liegt bereits jene Verachtung
für Wirklichkeit und Tatsächlichkeit in ihrer unendlich variierenden
und nie einheitlich zu fassenden reinen Gegebenheit, die eines der hervorstechenden
Merkmale der totalitären fiktiven Welt bildet.
Der gesunde Menschenverstand, der behauptet, sich gerade auf die Wirklichkeit
so ausgezeichnet zu verstehen, ja, für sie allein zuständig
zu sein, ist diesem ideologischen Suprasinn gegenüber hilflos,
sobald die totale Herrschaft darangeht, eine wirkliche und wirklich
funktionierende Welt aus ihm zu entwickeln. In der nur ideologischen
Verachtung der Tatsächlichkeit einer gegebenen Welt, gegen die
der gesunde Menschenverstand sich noch immer zu behaupten wußte,
lag noch der menschliche Stolz, die gegebene Tatsächlichkeit meistern,
für menschliche Zwecke einrichten und ändern zu können.
Mit diesem Stolz gerade, der in der abendländischen Tradition zumindest
mit zu der Würde des Menschen gehörte, ist es in der totalitären
Welt vorbei; gerade diesen Stolz zerstört die zwangsläufige
Stimmigkeit und Unentrinnbarkeit eines Suprasinns, der von menschlichem
Trachten und Handeln ganz unabhängig bleibt. Dies ist auch der
entscheidende Punkt, an dem sich die totalitären Bewegungen von
den revolutionären Bewegungen unterscheiden, aus denen sie oft
hervorgegangen sind. Totalitär ist nicht der Anspruch des revolutionären
Rußland, daß unter den gegebenen Umständen die Diktatur
des Proletariats die beste Staatsform sei, sondern die Kette von Folgerungen,
die erst der totalitäre Machthaber aus diesem Anspruch zieht und
die etwa besagt, daß hieraus logisch folge, daß ohne dieses
System man niemals eine Untergrundbahn bauen könne, daß daher
jeder, der die Pariser Untergrundbahn kennt, verdächtig ist, weil
er ja an der ersten Folgerung zweifeln könne, und daß man
daher, wenn irgend möglich, die Pariser Untergrundbahn zerstören
müsse, welche »eigentlich« gar nicht hätte existieren
dürfen.
Mit diesen neuen politischen Strukturen, die auf der Grundlage eines
Suprasinns errichtet und von dem Motor zwangsläufigen Folgerns
angetrieben sind, befinden wir uns in der Tat am Ende des bürgerlichen
Zeitalters wie am Ende des Zeitalters des Imperialismus. In der totalitären
Welt und in der totalitären Politik spielen weder Profitmotive
noch Machthunger eine entscheidende Rolle, und wenn die totale Herrschaft
danach trachtet, ihr Territorium zu erweitern und immer neue Gebiete
sich einzuverleiben, bis schließlich die Herrschaft über
die Erde erreicht ist, so nicht um der Expansion und nicht der Macht
selbst willen, sondern einzig aus ideologischen Gründen - um im
Weltmaßstab zu beweisen, daß die jeweilige Ideologie recht
behalten hat, und um auf der gesamten Erde die fiktive totalitäre
Welt zu errichten, deren Stimmigkeit durch keine Tatsächlichkeit
mehr gestört werden kann.
Das eigentliche Ziel der totalitären Ideologie ist nicht die Umformung
der äußeren Bedingungen menschlicher Existenz und nicht die
revolutionäre Neuordnung der gesellschaftlichen Ordnung, sondern
die Transformation der menschlichen Natur selbst, die, so wie sie ist,
sich dauernd dem totalitären Prozeß entgegenstellt. Um diese
Transformation handelt es sich in den Konzentrationslagern und nicht
um das dort verursachte Leiden, von dem es immer zu viel auf der Erde
gegeben hat, und nicht darum, wie viele Menschen dort zugrunde gehen.
Die totalitäre Expansion im Unterschied zu der imperialistischen
ist vor allem darauf bedacht, diesen Laboratorien neues Menschenmaterial
zur Verfügung zu stellen, ohne die bereits beherrschten Gebiete
allzusehr zu entvölkern. Was in der totalen Herrschaft auf dem
Spiele steht, ist wirklich das Wesen des Menschen, und wenngleich es
scheint, als könnten ihre Experimente dies Wesen zwar zerstören,
aber nicht verändern, so sollte man nicht vergessen, daß
dieses Experiment bisher noch immer in beschränktem Maßstab
ausgeführt worden ist und daß es zwingende Ergebnisse nicht
zeitigen kann, bevor nicht die ganze Welt unter seiner Kontrolle steht.
Bis jetzt scheint der totalitäre Glaube, daß alles möglich
ist, nur bewiesen zu haben, daß alles zerstörbar ist, auch
das Wesen des Menschen. Aber in ihrem Bestreben, unter Beweis zu stellen,
daß alles möglich ist, hat die totale Herrschaft, ohne es
eigentlich zu wollen, entdeckt, daß es ein radikal Böses
wirklich gibt und daß es in dem besteht, was Menschen weder bestrafen
noch vergeben können. Als das Unmögliche möglich wurde,
stellte sich heraus, daß es identisch ist mit dem unbestrafbaren,
unverzeihlichen radikal Bösen, das man weder verstehen noch erklären
kann durch die bösen Motive von Eigennutz, Habgier, Neid, Machtgier,
Ressentiment, Feigheit oder was es sonst noch geben mag und demgegenüber
daher alle menschlichen Reaktionen gleich machtlos sind; dies konnte
kein Zorn rächen, keine Liebe ertragen, keine Freundschaft verzeihen,
kein Gesetz bestrafen. So wie die Opfer in den Fabriken zur Herstellung
von Leichen und den Höhlen des Vergessens nicht mehr »Menschen«
sind in den Augen ihrer Peiniger, so sind diese neuesten Verbrecher
selbst jenseits dessen, womit jeder von uns bereit sein muß, sich
im Bewußtsein der Sündhaftigkeit des Menschen zu solidarisieren.
Es liegt im Sinne unserer gesamten philosophischen Tradition, daß
wir uns von dem radikal Bösen keinen Begriff machen können,
und dies gilt auch noch von der christlichen Theologie, die selbst Satan
noch einen himmlischen Ursprung zugestand, wie von Kant, dem einzigen
Philosophen, der in der einzigen Wortprägung seine Existenz zumindest
geahnt haben muß, wenngleich er diese Ahnung in dem Begriff des
pervertiert-bösen Willens sofort wieder in ein aus Motiven Begreifliches
rationalisierte. So haben wir eigentlich nichts, worauf wir zurückfallen
können, um das zu begreifen, womit wir doch in einer ungeheuerlichen,
alle Maßstäbe zerbrechenden Wirklichkeit konfrontiert sind.
Nur eines scheint sich hier abzuzeichnen; wir können immerhin feststellen,
daß dieses radikal Böse im Zusammenhang eines Systems aufgetreten
ist, in dem alle Menschen gleichermaßen überflüssig
werden. Die totalen Machthaber sind von ihrer eigenen Überflüssigkeit
genauso überzeugt wie von der aller anderen, und die totalitären
Henker sind so gefährlich, weil es ihnen offenbar einerlei ist,
nicht nur, ob sie leben oder sterben, sondern ob sie je geboren wurden
oder niemals das Licht der Welt erblickten. Die ungeheure Gefahr der
totalitären Erfindungen, Menschen überflüssig zu machen,
ist, daß in einem Zeitalter rapiden Bevölkerungszuwachses
und ständigen Anwachsens der Bodenlosigkeit und Heimatlosigkeit
überall dauernd Massen von Menschen im Sinne utilitaristischer
Kategorien in der Tat »überflüssig« werden. Es
ist, als ob alle entscheidenden politischen, gesellschaftlichen und
wirtschaftlichen Tendenzen der Zeit in einer heimlichen Verschwörung
mit den Institutionen sind, die dazu dienen könnten, Menschen wirklich
als Überflüssige zu behandeln und zu handhaben. Hierzu gehört
auch die überall feststellbare Tatsache, daß Todesangst ein
Phänomen ist, das innerhalb des politischen Raumes und in den eigentlichen
Massengesellschaften kaum noch eine Rolle spielt. Ganz gleich wie lange
die gegenwärtigen totalitären Systeme sich halten können
- und der erstaunlich schnelle Untergang des tausendjährigen Reiches«
der Nazis ist ein Zeichen für die diesen Regimen innewohnende Instabilität
-, es steht zu fürchten, daß die Konzentrationslager und
Gaskammern, welche zweifellos eine Art Patentlösung für alle
Probleme von Überbevölkerung und »Überflüssigkeit«
darstellen, nicht nur eine Warnung, sondern auch ein Beispiel
bleiben
werden. So wie in der heutigen Welt totalitäre Tendenzen überall
und nicht nur in totalitär regierten Ländern zu finden sind,
so könnte diese zentrale Institution der totalen Herrschaft leicht
den Sturz aller uns bekannten totalitären Regime überleben.
Terror
als das Wesen totalitärer Herrschaft
Das Wesen
totalitärer Herrschaft in diesem Sinne ist der Terror, der aber
nicht willkürlich und nicht nach den Regeln des Machthungers eines
einzelnen (wie in der Tyrannis), sondern in Übereinstimmung mit
außermenschlichen Prozessen und ihren natürlichen oder geschichtlichen
Gesetzen vollzogen wird. Als solcher ersetzt er den Zaun des Gesetzes,
in dessen Umhegung Menschen in Freiheit sich bewegen können, durch
ein eisernes Band, das die Menschen so stabilisiert, daß jede
freie, unvorhersehbare Handlung ausgeschlossen wird. Terror in diesem
Sinne ist gleichsam das »Gesetz«, das nicht mehr übertreten
werden kann. Diese terroristische Stabilisierung soll der Befreiung
der sich bewegenden Geschichte oder Natur dienen. Eine Diskussion mit
Anhängern totalitärer Bewegungen über Freiheit ist schon
darum so außerordentlich unergiebig, weil sie an menschlicher
Freiheit, das heißt an der Freiheit menschlichen Handelns, nicht
nur nicht interessiert sind, sondern sie für gefährlich für
die Befreiung natürlicher oder historischer Prozesse halten. Die
sogenannte Freiheit der Geschichte und der Natur, die sich ja nach beobachtbaren
Regeln vollzieht, kann für den Menschen in der Tat nur im Gewand
der Notwendigkeit auftreten. Sofern Natur und Geschichte Kräfte
sind, denen bis zu einem gewissen Grad Menschen immer unterworfen sind,
haben sie den Charakter der Notwendigkeit; versucht man, auf sie einen
politischen Körper zu gründen, so hat man nicht nur die menschliche
Freiheit aus dem politischen Bereich ausgeschaltet, sondern direkt das
von Natur oder Geschichte Gezwungenwerden zur Grundlage des gesamten
Lebens gemacht. Die Prozesse von Natur und Geschichte äußern
sich politisch als Zwang und können nur durch Zwingen realisiert
werden. Auf diesem Zwang beruht, diesen Zwang realisiert der totalitäre
Terror, nicht indem er gerechte oder ungerechte positive Gesetze erläßt
und anwendet, sondern indem er den Bewegungsprozeß dieser Kräfte
vollstreckt im Sinne der Exekution. Der Terror ist nicht ein Mittel
zu einem Zweck, sondern die ständig benötigte Exekution der
Gesetze natürlicher oder geschichtlicher Prozesse.
Terror
macht die Menschen unbeweglich, als stünden sie und ihre spontanen
Bewegungen nur den Prozessen von Natur oder Geschichte im Wege, denen
die Bahn frei gemacht werden soll. Terror scheidet die Individuen aus
um der Gattung willen, opfert Menschen um der Menschheit willen, und
zwar nicht nur
jene, die
schließlich wirklich seine Opfer werden, sondern grundsätzlich
alle, insofern der Geschichts- oder Naturprozeß von dem neuen
Beginnen und dem individuellen Ende, welches das Leben jedes Menschen
ist, nur gehindert werden kann. Populär und scheinbar harmlos äußert
sich die terroristische Gesinnung bereits in dem Sprichwort: »Wo
gehobelt wird, da fallen Späne«, einem Spruch, mit dem man
bekanntlich jegliches rechtfertigen kann und gerechtfertigt hat. In
solcher Gesinnung wird nur dort Geschichte überhaupt anerkannt,
wo Späne auch wirklich fallen, bis dann mehr oder minder offen
die Größe von Ereignissen nur noch gemessen wird an der Zahl
der Opfer, die sie fordern. Psychologisch ist diese Gesinnung die beste,
ja die einzig mögliche Vorbereitung für das Leben unter Verhältnissen,
die vorn Terror bestimmt sind. Denn in ihr hat man bereits den besten
Freund, den beliebtesten Menschen und auch sich selbst als mögliche
Späne für das erhaltene Hobeln von Natur oder Geschichte erkannt
und geopfert.
Die Versuchung,
menschliches Handeln am Modell des Herstellens von Gegenständen
zu orientieren, ist nicht neu, war aber natürlicherweise niemals
so mächtig und bedeutungsvoll wie in den letzten hundert Jahren,
da Menschen - erst in Europa und Amerika und dann mehr und mehr in der
ganzen Welt - sich zum ersten Male wesentlich als arbeitende Wesen verstanden
und bestimmten. Dieses neue Selbstverständnis des Menschen fand
seinen ersten theoretischen Ausdruck in Marx, und die außerordentliche
Anziehungskraft des Marxismus auf alle Völker der Erde verdankt
dieser neuen Einschätzung der Arbeit sicherlich nicht weniger als
seinen sogenannten chiliastischen Elementen. Arbeit nun, obwohl sicher
nicht mit einfachem Herstellen identisch, steht diesem doch näher
als alle Arten menschlichen Handelns. Herstellen, auch wenn es von vielen
zusammen und fabrikmäßig betrieben wird, hat es immer nur
mit einem Subjekt zu tun, das einen Gegenstand hervorbringen will; auch
Robinson auf seiner Insel ist noch Mensch im Sinne des homo faber. Handeln
dagegen kann ich immer nur in bezug auf andere und mit ihnen zusammen.
Alles Handeln ist in den Worten Burkes »to act in concert«;
was bei diesem Tun herauskommt, hat niemals ein Ende und daher auch
weder die Beständigkeit noch die Eindeutigkeit eines im Mittel-Zweck-Zusammenhang
erzeugten Gegenstandes. Wenn im Herstellen der Zweck in der Tat die
Mittel rechtfertigt - der hergestellte Tisch erfordert und rechtfertigt
nicht nur die Werkzeuge, sondern auch das Umschlagen des Baumes zur
Holzgewinnung -, so könnte man paradoxerweise sagen, daß
im Handeln das Mittel den Zweck setzt und erzwingt: Eine böse Tat
um eines guten Zwecks willen erzeugt Bosheit, eine gute Tat um eines
bösen Zwecks willen erzeugt Güte.
Gesetze
im Sinne des positiven Rechts sind für ein Handeln in der Gesinnung
des Herstellens oder des »Wo gehobelt wird, da fallen Späne«
ganz und gar überflüssig. Denn sie sichern Kontinuität
in der Sphäre menschlichen Zusammenlebens als solcher, in der es
einen durch Gegenstände getragenen, an ihnen ausgerichteten und
von ihnen garantierten Verlaß ganz und gar nicht gibt. Die Kontinuität
menschlichen Zusammenlebens wird immer wieder durch das erschüttert,
was wir gemeinhin die Freiheit des Menschen nennen; und das ist politisch
die Geburt jedes neuen Menschen, der in dieses Zusammenleben hineingeboren
wird, weil mit jeder neuen Geburt ein neuer Anfang, eine neue Freiheit,
eine neue Welt anhebt. Diesen neuen Anfang hegen die Zäune der
Gesetze ein und sichern ihm zugleich seine Freiheit, schaffen ihm den
Raum, in welchem allein Freiheit sich verwirklichen kann. So garantiert
das Gesetz die Möglichkeit eines voraussehbar, absolut Neuen und
zugleich die Präexistenz einer gemeinsamen Welt, deren Kontinuität
alle einzelnen Anfänge übersteigt; also eine Wirklichkeit,
die alle neuen Ursprünge in sich aufnimmt und von ihnen sich nährt.
Jede Gewaltherrschaft
muß die Zäune der Gesetze dem Erdboden gleichmachen. Totalitärer
Terror, sofern er dies in seinen Anfangsstadien auch tut, unterscheidet
sich nicht prinzipiell von anderen Formen der Tyrannis. Nur daß
dieser nicht den willkürlich-tyrannischen Willen eines einzelnen
über die ihres Schutzes beraubten und zur Ohnmacht verdammten Menschen
loslassen will, noch die despotische Macht eines einzigen gegen alle
anderen, noch, und am allerwenigsten, die Anarchie eines Krieges aller
gegen alle. Die Tyrannis begnügt sich mit der Gesetzlosigkeit;
der totale Terror setzt an die Stelle der Zäune des Gesetzes und
der gesetzmäßig etablierten und geregelten Kanäle menschlicher
Kommunikation ein eisernes Band, das alle so eng aneinanderschließt,
daß nicht nur der Raum der Freiheit, wie er in verfassungsmäßigen
Staaten zwischen den Bürgern existiert, sondern auch die Wüste
der Nachbarlosigkeit und des gegenseitigen Mißtrauens, die der
Tyrannis eigentümlich ist, verschwindet, und es ist, als seien
alle zusammengeschmolzen in ein einziges Wesen von gigantischen Ausmaßen.
Auch dies drückt der auf totalitäre Verhältnisse so trefflich
vorbereitete Volksmund auf seine Weise aus, wenn er nicht mehr von »den«
Russen oder »den« Franzosen spricht, sondern uns neuerdings
erzählt, was »der« Russe will oder »der«
Franzose sei. Terror als der folgsame Vollstrecker natürlicher
oder geschichtlicher Prozesse fabriziert dieses Einssein von Menschen,
indem er den Lebensraum zwischen Menschen, der der Raum der Freiheit
ist, radikal vernichtet. Das Wesentliche der totalitären Herrschaft
liegt also nicht darin, daß sie bestimmte Freiheiten beschneidet
oder beseitigt, noch darin, daß sie die Liebe zur Freiheit aus
dem menschlichen Herzen ausrottet-, sondern einzig darin, daß
die Menschen, so wie sie sind, mit solcher Gewalt in das eiserne Band
des Terrors schließt, daß der Raum des Handelns, und dies
allein ist die Wirklichkeit der Freiheit, verschwindet.
Das eiserne
Band des Terrors konstituiert den totalitären politischen Körper
und macht ihn zu einem unvergleichlichen Instrument, die Bewegung des
Natur- oder des Geschichtsprozesses zu beschleunigen. Dem Terror gelingt
es, Menschen so zu organisieren, als gäbe es sie gar nicht im Plural,
sondern nur im Singular, als gäbe es nur einen gigantischen Menschen
auf der Erde, dessen Bewegungen in den Marsch eines automatisch notwendigen
Natur- oder Geschichtsprozesses mit absoluter Sicherheit und Berechenbarkeit
einfallen. Die an sich notwendig ablaufenden Prozesse will der Terror
auf eine Geschwindigkeit, gleichsam auf eine Tourenzahl bringen, die
sie ohne die Mithilfe der zu einem Menschen organisierten Menschheit
nie erreichen können. Praktisch heißt dies, daß Terror
die Todesurteile, welche die Natur angeblich über »minderwertige
Rassen« und »lebensunfähige Individuen« oder
die Geschichte über »absterbende Klassen« und »dekadente
Völker« gesprochen hat, auf der Stelle vollstreckt, ohne
den langsameren und unsicheren Vernichtungsprozeß von Natur oder
Geschichte selbst abzuwarten.
Wir kennen
keinen vollkommenen totalitären Herrschaftsapparat, denn er würde
die Beherrschung der gesamten Erde voraussetzen. Wir wissen aber genug
von den immer noch vorläufigen Experimenten totaler Organisation,
um zu erkennen, daß die durchaus mögliche Vervollkommnung
dieses Apparats menschliches Handeln in dem uns bekannten Sinne abschaffen
würde. Handeln würde sich als überflüssig erweisen
im Zusammenleben der Menschen, wenn alle Menschen zu einem Menschen,
alle Individuen zu Exemplaren der Gattung, alles Tun zu Beschleunigungsgriffen
in der gesetzmäßigen Bewegungsapparatur der Geschichte oder
der Natur und alle Taten zu Vollstreckungen der Todesurteile geworden
sind, die Geschichte oder Natur ohnehin verhängt haben.
Zusammenfassung
Wäre
totalitäre Herrschaft nichts anderes als eine moderne Form der
Tyrannis, so würde sie sich gleich ihr damit begnügen, die
politische Sphäre der Menschen zu zerstören, also Handeln
zu verwehren und Ohnmacht zu erzeugen. Totalitäre Herrschaft wird
wahrhaft total in dem Augenblick - und sie pflegt sich dieser Leistung
auch immer gebührend zu rühmen -, wenn sie das privat-gesellschaftliche
Leben der ihr Unterworfenen in das eiserne Band des Terrors spannt.
Dadurch zerstört sie einerseits alle nach Fortfall der politisch-öffentlichen
Sphäre noch verbleibenden Beziehungen zwischen Menschen und erzwingt
andererseits, daß die also völlig Isolierten und voneinander
Verlassenen zu politischen Aktionen (wiewohl natürlich nicht zu
echtem politischem Handeln) wieder eingesetzt werden können. In
der Ohnmacht der Tyrannis können Menschen innerhalb einer von Furcht
und Mißtrauen beherrschten Welt sich immer noch bewegen; diese
Bewegungsfreiheit in der Wüste ist es, die von totalitärer
Herrschaft vernichtet wird. Totalitäre Herrschaft beraubt Menschen
nicht nur ihrer Fähigkeit zu handeln, sondern macht sie im Gegenteil,
gleichsam als seien sie alle wirklich nur ein einziger Mensch, mit unerbittlicher
Konsequenz zu Komplizen aller von dem totalitären Regime unternommenen
Aktionen und begangenen Verbrechen.
Die Zerstörung
der Pluralität, die der Terror bewirkt, hinterläßt in
jedem einzelnen das Gefühl, von allen ganz und gar verlassen zu
sein. (Die Institution der Konzentrationslager, deren Insassen von allen
anderen, auch von der eigenen Familie, vergessen werden müssen,
gründet sich auf die genaue Umkehrung jenes Grundsatzes, der für
alle gesunden Gemeinwesen gilt und den Clemenceaus großer politischer
Instinkt während der Dreyfus-Affäre formulierte: »L'affaire
d'un seul est l'affaire de tous.« Das dieser Verlassenheit entspringende
Räsonnement ist der Prozeß des logischen Deduzierens, der
sich verzweifelt im Strudel des beliebig Möglichen, weil von niemandem
mehr verläßlich Kontrollierten, an eine Prämisse festhält.
(Die Bolschewisten wissen, daß Geständnisse auf der Grundlage
des »Wer A gesagt hat, muß auch B sagen« am besten
und ohne Tortur von denen erpreßt werden, die man erst einmal
auf längere Zeit der Verlassenheit und dem aus ihr resultierenden
Realitätsverlust in der Einzelhaft ausgesetzt hat.) Die Grunderfahrung
menschlichen Zusammenseins, die in totalitärer Herrschaft politisch
realisiert wird, ist die Erfahrung der Verlassenheit.
Die merkwürdige
Verbindung zwischen dem zwangsläufig-zwingenden Deduzieren der
Ideologien und der Verlassenheit ist politisch zweifellos erst von den
totalitären Herrschaftsapparaten entdeckt und zu ihren Zwecken
ausgenutzt worden. Aber sie findet sich andeutungsweise bereits in einer
kleinen Bemerkung von Luther zu der Bibelstelle, daß es nicht
gut sei für den Menschen, allein zu sein. Luther sagt dort: »Ein
solcher (nämlich ein einsamer) Mensch folgert immer eins aus dem
anderen und denkt alles zum ärgsten.« Luther, der einige
Erfahrungen in den Phänomenen der Einsamkeit und Verlassenheit
hatte (und der einmal zu sagen wagte, es müsse schon darum einen
Gott geben, weil der Mensch ein Wesen brauchte, dem er wirklich trauen
könne), verstand, daß das spezifisch Zwingende der logischen
Folgerungen nur den von allen Verlassenen mit ganzer Gewalt überfallen
kann. In jeder Gemeinschaft stellt sich alsbald eine Pluralität
von Prämissen her, aus denen gleich zwingend-evident gefolgert
werden kann, so daß das zwingend Beweisbare dauernd in Schach
und unter Kontrolle gehalten wird.
Genau gesprochen
sind alle die Redensarten, welche dazu dienen, Henker und Opfer gleich
gut auf das Funktionieren eines totalen Herrschaftsapparates vorzubereiten
- wie »Wo gehobelt wird, da fallen Späne« und »Wer
A gesagt hat, muß auch B sagen« -, volkstümliche Sprüche,
welche von der Verlassenheit des Menschen Kunde geben. Nur jemandem,
der seine Freunde und wen er liebt bereits verlassen hat und darum verlassen
ist, wird es mit dem »Wo gehobelt wird, da fallen Späne«
wirklich ernst sein; und nur wer darüber hinaus auch von sich selbst
bereits verlassen ist, so daß nur noch das rein formale Sich-nicht-Widersprechen
ihm Garantie dafür bieten kann, daß es ihn auch wirklich
gegeben hat, wird die Konsequenz ziehen, ein »B« zu sagen
und zu vollziehen, das ihn zwingt, nicht nur sein Leben, sondern seine
Person, seine Ehre und das Andenken an sich zu opfern.
Verlassenheit
und Einsamkeit sind nicht dasselbe, obwohl es die Gefahr jeder Einsamkeit
ist, in Verlassenheit umzuschlagen, so wie es die Chance jeder Verlassenheit
ist, zur Einsamkeit zu werden. In der Einsamkeit bin ich eigentlich
niemals allein-, ich bin mit mir selbst zusammen, und dies Selbst, das
niemals zu einem leiblich unverwechselbar Bestimmten werden kann, ist
zugleich auch jedermann. Einsames Denken gerade ist dialogisch und in
Gesellschaft mit jedermann. Dies ist die Zwiespältigkeit der Einsamkeit,
in der ich, immer auf mich selbst zurückbezogen, mich niemals als
Einen, in seiner Identität Unverwechselbaren, wirklich Eindeutigen
erfahren kann. Aus der Zwiespältigkeit und Vieldeutigkeit der Einsamkeit
werde ich erlöst durch die Begegnung mit anderen Menschen, die
mich dadurch, daß sie mich als diesen Einen, Unverwechselbaren,
Eindeutigen erkennen, ansprechen und mit ihm rechnen, in meiner Identität
erst bestätigen. In ihren Zusammenhang gebunden und mit ihnen verbunden,
bin ich erst wirklich als Einer in der Welt und erhalte mein Teil Welt
von allen anderen.
Verlassenheit
entsteht, wenn aus gleich welchen personalen Gründen ein Mensch
aus dieser Welt hinausgestoßen wird oder wenn aus gleich welchen
geschichtlich-politischen Gründen diese gemeinsam bewohnte Welt
auseinanderbricht und die miteinander verbundenen Menschen plötzlich
auf sich selbst zurückwirft. Zu einer politisch tragfähigen
Grunderfahrung kann Verlassenheit natürlich nur in dem zweiten
Fall werden. In der Verlassenheit sind Menschen wirklich allein, nämlich
verlassen nicht nur von anderen Menschen und der Welt, sondern auch
von dem Selbst, das zugleich jedermann in der Einsamkeit sein kann.
So sind sie unfähig, den Zwiespalt der Einsamkeit zu realisieren,
und unfähig, die eigene, von den anderen nicht mehr bestätigte
Identität mit sich selbst aufrechtzuerhalten. In dieser Verlassenheit
gehen Selbst und Weit, und das heißt echte Denkfähigkeit
und echte Erfahrungsfähigkeit, zugleich zugrunde. An der Wirklichkeit,
die keiner mehr verläßlich bestätigt, beginnt der Verlassene
mit Recht zu zweifeln; denn diese Welt bietet Sicherheit nur, insofern
sie uns von anderen mit garantiert ist.
Das einzige,
was in der Verlassenheit als scheinbar unantastbar sicher verbleibt,
sind die Elementargesetze des zwingend Evidenten, die Tautologie des
Satzes: zwei mal zwei ist vier. Damit erfährt das zwingend Einsehbare
für den Verlassenen eine eigentümliche Gewichtsverschiebung:
es ist nicht mehr die selbstverständliche Regelung menschlichen
Denkens, ein Mittel des Verstandes, um Widersprüche zu vermeiden;
sondern es wird aus sich heraus gleichsam produktiv, beginnt Denkreihen
zu entfalten, Prozesse zu entwickeln, »folgert eins aus dem anderen
und denkt alles zum ärgsten«. Dies Zwangsfolgern ist der
Extremismus, der allem ideologischen Denken eignet und an dem gemessen
freies und kontrolliertes Denken an mangelnder Radikalität zu leiden
scheint. Die »Radikalität« totalitärer Ideologien
ist nur der Extremismus des Ärgsten und hat mit echter Radikalität
gar nichts zu tun.
Was moderne
Menschen so leicht in die totalitären Bewegungen jagt und sie so
gut vorbereitet für die totalitäre Herrschaft, ist die allenthalben
zunehmende Verlassenheit. Es ist, als breche alles, was Menschen miteinander
verbindet, in der Krise zusammen, so daß jeder von jedem verlassen
und auf nichts mehr Verlaß ist. Das eiserne Band des Terrors,
mit dem der totalitäre Herrschaftsapparat die von ihm organisierten
Massen in eine entfesselte Bewegung reißt, erscheint so als ein
letzter Halt und die »eiskalte Logik«, mit der totalitäre
Gewalthaber ihre Anhänger auf das Ärgste vorbereiten, als
das einzige, worauf wenigstens noch Verlaß ist. Vergleicht man
diese Praxis mit der Praxis der Tyrannis, so ist es, als sei das Mittel
gefunden worden, die Wüste selbst in Bewegung zu setzen, den Sandsturm
loszulassen, daß er sich auf alle Teile der bewohnten Erde legt.
Die Bedingungen,
unter denen wir uns heute im politischen Feld bewegen, stehen unter
der Bedrohung dieser verwüstenden Sandstürme. Ihre Gefahr
ist nicht, daß sie etwas Bleibendes errichten können. Totalitäre
Herrschaft gleich der Tyrannis trägt den Keim ihres Verderbens
in sich. So wie Furcht und die Ohnmacht, aus der sie entspringt, ein
antipolitisches Prinzip und eine dem politischen Handeln konträre
Situation darstellen, so sind Verlassenheit und das ihr entspringende
logisch-ideologische Deduzieren zum Ärgsten hin eine antisoziale
Situation und ein alles menschliche Zusammensein ruinierendes Prinzip.
Dennoch ist organisierte Verlassenheit erheblich bedrohlicher als die
unorganisierte Ohnmacht aller, über die der tyrannisch-willkürliche
Wille eines einzelnen herrscht. Ihre Gefahr ist, daß sie die uns
bekannte Welt, die überall an ein Ende geraten scheint, zu verwüsten
droht, bevor wir die Zeit gehabt haben, aus diesem Ende einen neuen
Anfang erstehen zu sehen, der an sich in jedem Ende liegt, ja, der das
eigentliche Versprechen des Endes an uns ist. Initium ut esset, creatus
est homo - »damit ein Anfang sei, wurde der Mensch geschaffen«,
sagt Augustin. Dieser Anfang ist immer und überall da und bereit.
Seine Kontinuität kann nicht unterbrochen werden, denn sie ist
garantiert durch die Geburt eines jeden Menschen.