Civil Society und Kommunitarismus. Kontroversen in der politischen Soziologie


Die modernen Demokratien sind in eine Krise geraten - in kommunitaristischen Theorieansätzen wie in liberaldemokratischen Zeitdiagnosen wird die Ursache dieser Krise in der Unfähigkeit moderner Gesellschaften gesehen, ihre moralischen Grundlagen zu reproduzieren. Verschiedenen konzeptionellen Lösungsvorschläge sind zB. die Wiederbelebung traditioneller Gemeinschaftsformen, Ethik des guten Lebens oder Verfassungspatriotismus vorgestellt werden. Gleichzeitig mit dieser Debatte entwickelten die osteuropäischen Demokratiebewegungen Konzepte der Demokratisierung ihrer Gesellschaften, indem sie das den Begriff „Civil Society" wiederbelebten, um die notwendigen Freiräume der Menschen gegenüber totalitären Staaten zu beschreiben. Hier diskutierten die Theoretiker eine Moral der freien Assoziation, Formen republikanischer Öffentlichkeiten, Selbstorganisation der BürgerInnen etc., jenseits von Staat und Recht. Wo treffen sich die beiden Konzepttypen, wo sind Widersprüche?


Kommunitarismus Definition

Eine aus den USA kommende Bewegung, die den demokratischen Gemeinschaftsgeist zu beleben versucht und zu mehr Solidarität und Gemeinsamkeit aufruft. In dem Zusammenhang mit Kommuntitarismus wird „community" nicht nur im Sinne von Gemeinschaft verwendet, sondern bedeutet auch Nachbarschaft, eine Verbindung mit Kommunismus verbietet sich.

Gründer dieser Bewegung sind Sozialwissenschaftler und Philosophen wie der Soziologe Amitai Etzioni von der Georg-Washington-Universität und Michael Walzer Soziologe aus Princeton. Diese sammelten eine Gruppe Gleichgesinnter um sich und verabschiedeten am 18. November 1991 die erste „kommunitaristische Plattform." „Die amerikanische Gesellschaft ist krank", so lautet ihre Botschaft und sie wird nur wieder gesund, wenn sich die Amerikaner mehr uneinander kümmern, wenn sie Gemeinschaften bilden. (Die Zeit Nr.29, 1996)

Die Bewegung kritisiert den Kapitalismus von links und den Sozialstaat von rechts. Sie ist eine parteiübergreifende Bewegung, d.h. in Amerika sind Demokraten und Republikaner in ihr vertreten. In Deutschland reicht das Spektrum ihrer Anhänger von Schwarz bis Grün (Biedenkopf, Scharping, Fischer).

Ausgehend von einem Satz von M. Thatcher „Es gibt keine Gesellschaft, es gibt nur Individuen", kritisieren die Kommunitarier den radikalen Kapitalismus. Für sie setzt ein funktionierender Kapitalismus eine funktionierende Gesellschaft voraus. Kommunitarismus als ein Protest gegen den reinen Kapitalismus, gegen die Ausrichtung der Gesellschaft am Profitstreben, gegen rücksichtslosen Individualismus.

Allerdings ist auch der Sozialstaat Zielscheibe der Kritik. Dieser hat nach ihrer Meinung in der Vergangenheit zu schnell eingegriffen, zu viele Pflichten übernommen und somit den ausgeprägten Individualismus gefördert.

Ziel

Das erklärte Ziel der Kommunitarier ist durch einen Wertediskurs den Gemeinschaftssinn zu fördern. Sie wollen keine Werte aufzwingen sondern einen Wertediskurs, in dessen Mittelpunkt Toleranz stehen soll, anregen. Nach ihrer Meinung ist die Frage der Moralisten nach den fehlenden Werten richtig, nur verwenden sie das falsche Rezept, indem sie ihre Werte als die einzig richtigen bezeichnen. Ein wesentlicher Grundgedanke ihrer Sozialpolitik ist, daß auch sozial Schwache Pflichten gegenüber der Gemeinschaft wahrnehmen sollten. Ein Schlüsselbegriff der Kommunitarier ist die Gemeinschaft. Soziale Probleme sind leichter zu lösen, wenn die Individuen in eine Gemeinschaft eingebunden sind, folglich gewinnen alle durch die Gemeinschaft.

Individuen statt Gemeinschaft zeichnen unsere heutige Gesellschaft aus. Die alten Werten wurden abgesetzt, an ihre Stelle sind keine neuen getreten. Es fand der Triumpf des Individuums über die Gesellschaft statt. Der „ Mensch als soziales Wesen," geht bei diesem „Neben-einander-leben" immer mehr verloren. Durch das ausschließliche Verfolgen privater Interessen wird das Netz gesellschaftlicher Bezüge zerstört.

Teil ihres Ansatzes ist der Appell an das Individuum- „Rights and Responsibilities", bzw. Rechte und Pflichten des Einzelnen. Das Individuum hat Rechte, aber aus Rechten folgen auch Pflichten, die es an die Gesellschaft entrichten muß. Die Menschen klagen ihre Rechte ein, die Frage, was die Pflicht des Einzelnen gegenüber der Gemeinschaft ist, bleibt unbeantwortet. Ein Großteil des kommunitaristischen Diskurses beschäftigt sich mit der Frage, wie Rechte und Pflichten der BürgerInnen in ein Gleichgewicht gebracht werden können.

Der Kommunitarismus kann als theoretischer Ansatz für die Projekte des Bürgerschaftlichen Engagements , wie sie in Baden-Württemberg bestehen, verstanden werden.

Kritik am Kommunitarismus

Von Kritikern wird die Frage nach der Definition von Gemeinschaft gestellt - ab wann sich Gemeinschaften auf geschlossene Weltbilder zurückziehen und sich der liberalen Gesellschaft verweigern. Desweiteren wird darauf hingewiesen bis zu welchem Grad Ansprüche der Gesellschaft an das Individuum noch als legitim gelten und welche dann die Freiheit des Einzelnen in zu hohem Maße einschränken, also wo die legitimen Ansprüche der Gesellschaft an das Individuum enden.

Zwischen den Polen

- Idealisierung von Gemeinschaftlichkeit

- Infragestellen individueller Rechte

bewegt sich die Diskussion über den Kommunitarismus. In der Kommunitarismusdebatte wird versucht, eine Balance zwischen der Freiheit und den Rechten des Individuums und den Interessen der Ordnung des Gemeinwesens, den Pflichten des Einzelnen gegenüber dem Gemeinwesen zu finden. Gegner des Kommunitarismus warnen vor einer Überwertung des Gemeinschaftssinnes und dessen negativen Folgen. Deutschland mit seiner Vergangenheit als Volksgemeinschaft ist gegenüber solcher Kritik besonders empfänglich. Die freie Entfaltung des Einzelnen ist verfassungsrechtlich geschützt. Letztendlich stehen sich Liberalität und Gemeinschaftssinn gegenüber - die Frage, ist wieviel Freiheit die Gemeinschaft und wieviel verpflichtete Gemeinschaft die Freiheit verträgt.


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