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Vorwort
Der Titel der vorliegenden Schrift kann auf den ersten Blick überraschen.
Sozialreform oder Revolution? Kann denn die Sozialdemokratie gegen die
Sozialreform sein? Oder kann sie die soziale Revolution, die Umwälzung
der bestehenden Ordnung, die ihr Endziel bildet, der Sozialreform entgegenstellen?
Allerdings nicht. Für die Sozialdemokratie bildet der alltägliche
praktische Kampf um soziale Reformen, um die Besserung der Lage des
arbeitenden Volkes noch auf dem Boden des Bestehenden, um die demokratischen
Einrichtungen vielmehr den einzigen Weg, den proletarischen Klassenkampf
zu leiten und auf das Endziel, auf die Ergreifung der politischen Macht
und Aufhebung des Lohnsystems hinzuarbeiten. Für die Sozialdemokratie
besteht zwischen der Sozialreform und der sozialen Revolution ein unzertrennlicher
Zusammenhang, indem ihr der Kampf um die Sozialreform das Mittel, die
soziale Umwälzung aber der Zweck ist.
Eine Entgegenstellung
dieser beiden Momente der Arbeiterbewegung finden wir erst in der Theorie
von Ed. Bernstein, wie er sie in seinen Aufsätzen: »Probleme
des Sozialismus«, in der 'Neuen Zeit' 1897/98 und namentlich in
seinem Buche: »Voraussetzungen des Sozialismus« dargelegt
hat. Diese ganze Theorie läuft praktisch auf nichts anderes als
auf den Rat hinaus, die soziale Umwälzung, das Endziel der Sozialdemokratie,
aufzugeben und die Sozialreform umgekehrt aus einem Mittel des Klassenkampfes
zu seinem Zwecke zu machen. Bernstein selbst hat am treffendsten und
am schärfsten seine Ansichten formuliert, indem er schrieb: »Das
Endziel, was es immer sei, ist mir Nichts, die Bewegung Alles«.
Da aber
das sozialistische Endziel das einzige entscheidende Moment ist, das
die sozialdemokratische Bewegung von der bürgerlichen Demokratie
und dem bürgerlichen Radikalismus unterscheidet, das die ganze
Arbeiterbewegung aus einer müßigen Flickarbeit zur Rettung
der kapitalistischen Ordnung in einen Klassenkampf gegen diese Ordnung,
um die Aufhebung dieser Ordnung verwandelt, so ist die Frage »Sozialreform
oder Revolution?« im Bernsteinschen Sinne für die Sozialdemokratie
zugleich die Frage: Sein oder Nichtsein? In der Auseinandersetzung mit
Bernstein und seinen Anhängern, darüber muß sich jedermann
in der Partei klar werden, handelt es sich nicht um diese oder jene
Kampfweise, nicht um diese oder jene Taktik, sondern um die ganze Existenz
der sozialdemokratischen Bewegung.
(Bei flüchtiger
Betrachtung der Bernsteinschen Theorie kann dies als eine Übertreibung
erscheinen. Spricht denn Bernstein nicht auf Schritt und Tritt von der
Sozialdemokratie und ihren Zielen, wiederholt er nicht selbst mehrmals
und ausdrücklich, daß auch er das sozialistische Endziel,
nur in einer anderen Form, anstrebe, betont er nicht mit Nachdruck,
daß er die heutige Praxis der Sozialdemokratie fast gänzlich
anerkenne? Freilich ist das alles wahr. Ebenso wahr ist es aber, daß
seit jeher in der Entwicklung der Theorie und in der Politik jede neue
Richtung in ihren Anfängen an die alte, auch wenn sie im inneren
Kern zu ihr in direktem Gegensatz steht, sich anlehnt, daß sie
sich zuerst den Formen anpaßt, die sie vorfindet, die Sprache
spricht, die vor ihr gesprochen wurde. Mit der Zeit erst tritt der neue
Kern aus der alten Hülle hervor, und die neue Richtung findet eigene
Formen, eigene Sprache.
Von einer
Opposition gegen den wissenschaftlichen Sozialismus erwarten, daß
sie von Anfang an ihr inneres Wesen selbst klar und deutlich bis zur
letzten Konsequenz ausspricht, daß sie die theoretische Grundlage
der Sozialdemokratie offen und schroff ableugnet, hieße die Macht
des wissenschaftlichen Sozialismus unterschätzen. Wer heute als
Sozialist gelten, zugleich aber der Marxschen Lehre, dem riesenhaftesten
Produkte des menschlichen Geistes in diesem Jahrhundert, den Krieg erklären
will, muß mit einer unbewußten Huldigung an sie beginnen,
indem er sich vor allem selbst zum Anhänger dieser Lehre bekennt
und in ihr selbst Stützpunkte für ihre Bekämpfung sucht,
die letztere bloß als ihre Fortentwicklung hinstellt. Unbeirrt
durch diese äußeren Formen muß man deshalb den in der
Bernsteinschen Theorie steckenden Kern herausschälen, und dies
ist gerade eine dringende Notwendigkeit für die breiten Schichten
der industriellen Proletarier in unserer Partei.
Es kann
keine gröbere Beleidigung, keine ärgere Schmähung gegen
die Arbeiterschaft ausgesprochen werden, als die Behauptung: theoretische
Auseinandersetzungen seien lediglich Sache der »Akademiker«.
Schon Lassalle hat einst gesagt: Erst, wenn Wissenschaft und Arbeiter,
diese entgegengesetzten Pole der Gesellschaft, sich vereinigen, werden
sie alle Kulturhindernisse in ihren ehernen Armen erdrücken. Die
ganze Macht der modernen Arbeiterbewegung beruht auf der theoretischen
Erkenntnis.)A
Doppelt
wichtig ist aber diese Erkenntnis für die Arbeiter im gegebenen
Falle, weil es sich hier gerade um sie und ihren Einfluß in der
Bewegung handelt, weil es ihre eigene Haut ist, die hier zu Markte getragen
wird. Die durch Bernstein theoretisch formulierte opportunistische Strömung
in der Partei ist nichts anderes, als eine unbewußte Bestrebung,
den zur Partei herübergekommenen kleinbürgerlichen Elementen
die Oberhand zu sichern, in ihrem Geiste die Praxis und die Ziele der
Partei umzumodeln. Die Frage von der Sozialreform und der Revolution,
vom Endziel und der Bewegung ist von anderer Seite die Frage vom kleinbürgerlichen
oder proletarischen Charakter der Arbeiterbewegung.
(Deshalb
liegt es gerade im Interesse der proletarischen Masse der Partei, sich
mit der gegenwärtigen theoretischen Auseinandersetzung mit dem
Opportunismus aufs lebhafteste und aufs eingehendste zu befassen. Solange
die theoretische Erkenntnis bloß das Privilegium einer Handvoll
»Akademiker« in der Partei bleibt, droht ihr immer die Gefahr,
auf Abwege zu geraten. Erst wenn die große Arbeitermasse selbst
die scharfe zuverlässige Waffe des wissenschaftlichen Sozialismus
in die Hand genommen hat, dann werden alle kleinbürgerlichen Anwandlungen,
alle opportunistischen Strömungen im Sande verlaufen. Dann ist
auch die Bewegung auf sicheren, festen Boden gestellt. »Die Menge
tut es.«)A Berlin, 18. April 1899 - Rosa Luxemburg
Von der
Schrift »Sozialreform oder Revolution?« liegen zwei verschiedene
Ausgaben vor, die von der Verfasserin selbst bearbeitet wurden, eine
aus dem Jahre 1900, die andere aus dem Jahre 1908. Sie weichen in Einzelheiten
voneinander ab. Hauptsächlich handelt es sich dabei um zwei Dinge.
In der zweiten Auflage wurden verschiedene Änderungen vorgenommen,
die sich aus neuen praktischen Erfahrungen ergaben, so z.B. in der Frage
der Wirtschaftskrise. Ausgelassen wurden in der zweiten Auflage alle
die Stellen, in denen der Ausschluß der Reformisten gefordert
oder auf ihn angespielt wurde. Als Rosa Luxemburg ein Jahrzehnt nach
Beginn der Bernsteindebatte und nach der Eroberung wichtigster Parteipositionen
durch die Opportunisten die Broschüre wieder herausgab, hatte die
Auschlußforderung jeden Sinn verloren.
Hier ist
die 1. Auflage zugrunde gelegt. Die späteren Auslassungen sind
durch Klammern ( ) angedeutet. Die Ergänzungen der 2. Auflage sind
in Anmerkungen beigefügt. Stilistische Verbesserungen und kleine
Überarbeitungen wurden aus der zweiten Auflage ohne weiteres übernommen.
Erster
Teil
1. Die opportunistische Methode
Wenn Theorien Spiegelbilder der Erscheinungen der Außenwelt im
menschlichen Hirn sind, so muß man angesichts der Theorie von
Eduard Bernstein hinzufügen - manchmal auf den Kopf gestellte Spiegelbilder.
Eine Theorie von der Einführung des Sozialismus durch Sozialreformen
- nach dem endgültigen Einschlafen der deutschen Sozialreform,
von der Kontrolle der Gewerkschaften über den Produktionsprozeß
- nach der Niederlage der englischen Maschinenbauer, von der sozialdemokratischen
Parlamentsmehrheit - nach der sächsischen Verfassungsrevision und
den Attentaten auf das allgemeine Reichstagswahlrecht! Allein der Schwerpunkt
der Bernsteinschen Ausführungen liegt unseres Erachtens nicht in
seinen Ansichten über die praktischen Aufgaben der Sozialdemokratie,
sondern in dem, was er über den Gang der objektiven Entwicklung
der kapitalistischen Gesellschaft sagt, womit jene Ansichten freilich
im engsten Zusammenhange stehen.
Nach Bernstein
wird ein allgemeiner Zusammenbruch des Kapitalismus mit dessen Entwicklung
immer unwahrscheinlicher, weil das kapitalistische System einerseits
immer mehr Anpassungsfähigkeit zeigt, andererseits die Produktion
sich immer mehr differenziert. Die Anpassungsfähigkeit des Kapitalismus
äußert sich nach Bernstein erstens in dem Verschwinden der
allgemeinen Krisen, dank der Entwicklung des Kreditsystems, der Unternehmerorganisationen
und des Verkehrs sowie des Nachrichtendienstes, zweitens in der Zähigkeit
des Mittelstandes infolge der beständigen Differenzierung der Produktionszweige
sowie der Hebung großer Schichten des Proletariats in den Mittelstand,
drittens endlich in der ökonomischen und politischen Hebung der
Lage des Proletariats infolge des Gewerkschaftskampfes.
Für
den praktischen Kampf der Sozialdemokratie ergibt sich daraus die allgemeine
Weisung, daß sie ihre Tätigkeit nicht auf die Besitzergreifung
der politischen Staatsmacht, sondern auf die Hebung der Lage der Arbeiterklasse
und auf die Einführung des Sozialismus, nicht durch eine soziale
und politische Krise, sondern durch eine schrittweise Erweiterung der
gesellschaftlichen Kontrolle und eine stufenweise Durchführung
des Genossenschaftlichkeitsprinzips zu richten habe.
Bernstein
selbst sieht in seinen Ausführungen nichts Neues, er meint vielmehr,
daß sie ebenso mit einzelnen Äußerungen von Marx und
Engels, wie mit der allgemeinen bisherigen Richtung der Sozialdemokratie
übereinstimmen. Es läßt sich indes unseres Erachtens
schwerlich leugnen, daß die Auffassung Bernsteins tatsächlich
mit dem Gedankengang des wissenschaftlichen Sozialismus in grundsätzlichem
Widerspruche steht.
Würde
sich die ganze Bernsteinsche Revision dahin zusammenfassen, daß
der Gang der kapitalistischen Entwicklung ein viel langsamerer ist,
als man anzunehmen sich gewöhnt hat, so bedeutete dies in der Tat
bloß eine Aufschiebung der bis jetzt angenommenen politischen
Machtergreifung seitens des Proletariats, woraus praktisch höchstens
etwa ein ruhigeres Tempo des Kampfes gefolgert werden könnte.
Dies ist
aber nicht der Fall. Was Bernstein in Frage gestellt hat, ist nicht
die Rapidität der Entwicklung, sondern der Entwicklungsgang selbst
der kapitalistischen Gesellschaft und im Zusammenhang damit der Übergang
zur sozialistischen Ordnung.
Wenn die
bisherige sozialistische Theorie annahm, der Ausgangspunkt der sozialistischen
Umwälzung würde eine allgemeine und vernichtende Krise sein,
so muß man, unseres Erachtens, dabei zweierlei unterscheiden:
den darin verborgenen Grundgedanken und dessen äußere Form.
Der Gedanke
besteht in der Annahme, die kapitalistische Ordnung würde von sich
aus, kraft eigener Widersprüche den Moment zeitigen, wo sie aus
den Fugen geht, wo sie einfach unmöglich wird. Daß man sich
diesen Moment in der Form einer allgemeinen und erschütternden
Handelskrise dachte, hatte gewiß seine guten Gründe, bleibt
aber nichtsdestoweniger für den Grundgedanken unwesentlich und
nebensächlich.
Die wissenschaftliche
Begründung des Sozialismus stützt sich nämlich bekanntermaßen
auf drei Ergebnisse der kapitalistischen EntwickIung: vor allem auf
die wachsende Anarchie der kapitalistischen Wirtschaft, die ihren Untergang
zu unvermeidlichem Ergebnis macht, zweitens auf die fortschreitende
Vergesellschaftung des Produktionsprozesses, die die positiven Ansätze
der künftigen sozialen Ordnung schafft, und drittens auf die wachsende
Organisation und Klassenerkenntnis des Proletariats, das den aktiven
Faktor der bevorstehenden Umwälzung bildet.
Es ist
der erste der genannten Grundpfeiler des wissenschaftlchen Sozialismus,
den Bernstein beseitigt. Er behauptet nämlich, die kapitalistische
Entwicklung gehe nicht einem allgemeinen wirtschaftlichen Krach entgegen.
Er verwirft
aber damit nicht bloß die bestimmte Form des kapitalistischen
Untergangs, sondern diesen Untergang selbst. Er sagt ausdrücklich:
»Es könnte nun erwidert werden, daß, wenn man von dem
Zusammenbruch der gegenwärtigen Gesellschaft spricht, man dabei
mehr im Auge hat, als eine verallgemeinerte und gegen früher verstärkte
Geschäftskrisis, nämlich einen totalen Zusammenbruch des kapitalistischen
Systems an seinen eigenen Widersprüchen.« Und darauf antwortet
er: »Ein annähernd gleichzeitiger völliger Zusammenbruch
des gegenwärtigen Produktionssysems wird mit der fortschreitenden
Entwicklung der Geselllschaft nicht wahrscheinlicher, sondern unwahrscheinlicher,
weil dieselbe auf der einen Seite die Anpassungsfähigkeit, auf
der anderen - bzw. zugleich damit - die Differenzierung der Industrie
steigert.«1
Dann entsteht
aber die große Frage: Warum und wie gelangen wir überhaupt
noch zum Endziel unserer Bestrebungen? Vom Standpunkte des wissenschaftlichen
Sozialismus äußert sich die historische Notwendigkeit der
sozialistischen Umwälzung vor allem in der wachsenden Anarchie
des kapitalistischen Systems, die es auch in eine ausweglose Sackgasse
drängt. Nimmt man jedoch mit Bernstein an, die kapitalistische
Entwicklung gehe nicht in der Richtung zum eigenen Untergang, dann hört
der Sozialismus auf, objektiv notwendig zu sein. Von den Grundsteinen
seiner wissenschaftlichen Begründung bleiben dann nur noch die
beiden anderen Ergebnisse der kapitalistischen Ordnung: der vergesellschaftete
Produktionsprozeß und das Klassenbewußtsein des Proletariats.
Dies hat auch Bernstein im Auge, als er sagt: »Die sozialistische
Gedankenwelt verliert (mit der Beseitigung der Zusammenbruchstheorie)
durchaus nichts an überzeugender Kraft. Denn genauer zugesehen,
was sind denn alle die von uns aufgezählten Faktoren der Beseitigung
oder Modifizierung der alten Krisen? Alles Dinge, die gleichzeitig Voraussetzungen
und zum Teil sogar Ansätze der Vergesellschaftung von Produktion
und Austausch darstellen.«2
Indes genügt
eine kurze Betrachtung, um auch dies als einen Trugschluß zu erweisen.
Worin besteht die Bedeutung der von Bernstein als kapitalistisches Anpassungsmittel
bezeichneten Erscheinungen: der Kartelle, des Kredits, der vervollkommneten
Verkehrsmittel, der Hebung der Arbeiterklasse usw. Offenbar darin, daß
sie die inneren Widersprüche der kapitalistischen Wirtschaft beseitigen
oder wenigstens abstumpfen, ihre Entfaltung und Verschärfung verhindern.
So bedeutet die Beseitigung der Krisen die Aufhebung des Widerspruchs
zwischen Produktion und Austausch auf kapitalistischer Basis, so bedeutet
die Hebung der Lage der Arbeiterklasse teils als solcher, teils in den
Mittelstand, die Abstumpfung des Widerspruchs zwischen Kapital und Arbeit.
Indem somit die Kartelle, das Kreditwesen, die Gewerkschaften usw. die
kapitalistischen Widersprüche aufheben, also das kapitalistische
System vom Untergang retten, den Kapitalismus konservieren - deshalb
nennt sie ja Bernstein »Anpassungsmittel« - wie können
sie zu gleicher Zeit ebensoviele »Voraussetzungen und zum Teil
sogar Ansätze« zum Sozialismus darstellen? Offenbar nur in
dem Sinne, daß sie den gesellschaftlichen Charakter der Produktion
stärker zum Ausdruck bringen. Aber indem sie ihn in seiner kapitalistischen
Form konservieren, machen sie umgekehrt den Übergang dieser vergesellschafteten
Produktion in die sozialistische Form in demselben Maße überflüssig.
Sie können daher Ansätze und Voraussetzungen der sozialistischen
Ordnung bloß in begrifflichem und nicht in historischem Sinne
darstellen, d.h. Erscheinungen, von denen wir auf Grund unserer Vorstellung
vom Sozialismus wissen, daß sie mit ihm verwandt sind, die aber
tatsächlich die sozialistische Umwälzung nicht nur nicht herbeiführen,
sondern sie vielmehr überflüssig machen. Bleibt dann als Begründung
des Sozialismus bloß das Klassenbewußtsein des Proletariats.
Aber auch dieses ist gegebenenfalls nicht der einfache geistige Widerschein
der sich immer mehr zuspitzenden Widersprüche des Kapitalismus
und seines bevorstehenden Untergangs - dieser ist ja verhütet durch
die Anpassungsrnittel - sondern ein bloßes Ideal, dessen Überzeugungskraft
auf seinen eigenen ihm zugedachten Vollkommenheiten beruht.
Mit einem
Wort, was wir auf diesem Wege erhalten, ist eine Begründung des
sozialistischen Programms durch »reine Erkenntnis«, das
heißt, einfach gesagt, eine idealistische Begründung, während
die objektive Notwendigkeit, das heißt die Begründung durch
den Gang der materiellen gesellschaftlichen Entwicklung, dahinfällt.
Die revisionistische Theorie steht vor einem Entweder-Oder. Entweder
folgt die sozialistische Umgestaltung nach wie vor aus den inneren Widersprüchen
der kapitalistischen Ordnung, dann entwickeln sich mit dieser Ordnung
auch ihre Widersprüche und ein Zusammenbruch in dieser oder jener
Form ist in irgendeinem Zeitpunkt das unvermeidliche Ergebnis, dann
sind aber auch die »Anpassungsmittel« unwirksam, und die
Zusammenbruchstheorie richtig. Oder die »Anpassungsmittel«
sind wirklich imstande, einem Zusammenbruch des kapitalistischen Systems
vorzubeugen, also den Kapitalisrnus existenzfähig zu machen, also
seine Widersprüche aufzuheben, dann hört aber der Sozialismus
auf, eine historische Notwendigkeit zu sein, und er ist dann alles,
was man will, nur nicht ein Ergebnis der materiellen Entwicklung der
Gesellschaft. Dieses Dilemma läuft auf ein anderes hinaus: entweder
hat der Revisionismus in Bezug auf den Gang der kapitalistischen Entwicklung
recht, dann verwandelt sich die sozialistische Umgestaltung der Gesellschaft
in eine Utopie, oder der Sozialismus ist keine Utopie, dann muß
aber die Theorie der »Anpassungsmittel« nicht stichhaltig
sein. That is the question, das ist die Frage.
2. Anpassung
des Kapitalismus
Die wichtigsten Mittel, die nach Bernstein die Anpassung der kapitalistischen
Wirtschaft herbeiführen, sind das Kreditwesen, die verbesserten
Verkehrsmittel und die Unternehmerorganisationen.
Um beim
Kredit anzufangen, so hat er in der kapitalistischen Wirtschaft mannigfaltige
Funktionen, seine wichtigste besteht aber bekanntlich in der Vergrößerung
der Ausdehnungsfähigkeit der Produktion und in der Vermittlung
und Erleichterung des Austausches. Da, wo die innere Tendenz der kapitalistischen
Produktion zur grenzenlosen Ausdehnung auf die Schranken des Privateigentums,
den beschränkten Umfang des Privatkapitals stößt, da
stellt sich der Kredit als das Mittel ein, in kapitalistischer Weise
diese Schranken zu überwinden, viele Privatkapitale zu einem zu
verschmelzen - Aktiengesellschaften - und einem Kapitalisten die Verfügung
über fremdes Kapital zu gewähren - industrieller Kredit. Andererseits
beschleunigt er als kommerzieller Kredit den Austausch der Waren, also
den Rückfluß des Kapitals zur Produktion, also den ganzen
Kreislauf des Produktionsprozesses. Die Wirkung, die diese beiden wichtigsten
Funktionen des Kredits auf die Krisenbildung haben, ist leicht zu übersehen.
Wenn die Krisen, wie bekannt, aus dem Widerspruch zwischen der Ausdehnungsfähigkeit,
Ausdehnungstendenz der Produktion und der beschränkten Konsumtionsfähigkeit
entstehen, so ist der Kredit nach dem obigen so recht das spezielle
Mittel, diesen Widerspruch so oft als möglich zum Ausbruch zu bringen.
Vor allem steigert er die Ausdehnungsfähigkeit der Produktion ins
Ungeheure und bildet die innere Triebkraft, sie beständig über
die Schranken des Marktes hinauszutreiben. Aber er schlägt auf
zwei Seiten. Hat er einmal als Faktor des Produktionsprozesses die Überproduktion
mit heraufbeschworen, so schlägt er während der Krise in seiner
Eigenschaft als Vermittler des Warenaustausches die von ihm selbst wachgerufenen
Produktivkräfte um so gründlicher zu Boden. Bei den ersten
Anzeichen der Stockung schrumpft der Kredit zusammen, läßt
den Austausch im Stich da, wo er notwendig wäre, erweist sich als
wirkungs- und zwecklos da, wo er sich noch bietet, und verringert so
während der Krise die Konsumtionsfähigkeit auf das Mindestmaß.
Außer
diesen beiden wichtigsten Ergebnissen wirkt der Kredit in bezug auf
die Krisenbildung noch mannigfach. Er bietet nicht nur das technische
Mittel, einem Kapitalisten die Verfügung über fremde Kapitale
in die Hand zu geben, sondern bildet für ihn zugleich den Sporn
zu einer kühnen und rücksichtslosen Verwendung des fremden
Eigentums, also zu waghalsigen Spekulationen. Er verschärft nicht
nur als heimtückisches Mittel des Warenaustausches die Krise, sondern
erleichtert ihr Eintreten und ihre Verbreitung, indem er den ganzen
Austausch in eine äußerst zusammengesetzte und künstliche
Maschinerie mit einem Mindestmaß Metallgeld als reeller Grundlage
verwandelt und so ihre Störung bei geringstem Anlaß herbeiführt.
So ist
der Kredit, weit entfernt, ein Mittel zur Beseitigung oder auch nur
zur Linderung der Krisen zu sein, ganz im Gegenteil ein besonderer mächtiger
Faktor der Krisenbildung. Und das ist auch gar nicht anders möglich.
Die spezifische Funktion des Kredits ist - ganz allgemein ausgedrückt
- doch nichts anderes, als den Rest von Standfestigkeit aus allen kapitalistischen
Verhältnissen zu verbannen und überall die größtmögliche
Elastizität hineinzubringen, alle kapitalistischen Kräfte
in höchstem Maße dehnbar, relativ und empfindlich zu machen.
Daß damit die Krisen, die nichts anderes als der periodische Zusammenstoß
der einander widerstrebenden Kräfte der kapitalistischen Wirtschaft
sind, nur erleichtert und verschärft werden können, liegt
auf der Hand.
Dies führt
uns aber zugleich auf die andere Frage, wie der Kredit überhaupt
als ein »Anpassungsmittel« des Kapitalismus erscheinen kann.
In welcher Beziehung und in welcher Gestalt immer die »Anpassung«
mit Hilfe des Kredits gedacht wird, ihr Wesen kann offenbar nur darin
bestehen, daß irgendein gegensätzliches Verhältnis der
kapitalistischen Wirtschaft ausgeglichen, irgendeiner ihrer Widersprüche
aufgehoben oder abgestumpft und so den eingeklemmten Kräften auf
irgendeinem Punkte freier Spielraum gewährt wird. Wenn es indes
ein Mittel in der heutigen kapitalistischen Wirtschaft gibt, alle ihre
Widersprüche aufs höchste zu steigern, so ist es gerade der
Kredit. Er steigert den Widerspruch zwischen Produktionsweise und Austauschweise,
indem er die Produktion aufs höchste anspannt, den Austausch aber
bei geringstem Anlaß lahmlegt. Er steigert den Widerspruch zwischen
Produktions- und Aneignungsweise, indem er die Produktion vom Eigentum
trennt, indem er das Kapital in der Produktion in ein gesellschaftliches,
einen Teil des Profits aber in die Form des Kapitalzinses, also in einen
reinen Eigentumstitel verwandelt. Er steigert den Widerspruch zwischen
den Eigentums- und Produktionsverhältnissen, indem er durch Enteignung
vieler kleiner Kapitalisten in wenigen Händen ungeheuere Produktivkräfte
vereinigt. Er steigert den Widerspruch zwischen dem gesellschaftlichen
Charakter der Produktion und dem kapitalistischen Privateigentum, indem
er die Einmischung des Staates in die Produktion (Aktiengesellschaft)
notwendig macht.
Mit einem
Wort, der Kredit reproduziert alle kardinalen Widersprüche der
kapitalistischen Welt, er treibt sie auf die Spitze, er beschleunigt
den Gang, in dem sie ihrer eigenen Vernichtung - dem Zusammenbruch -
entgegeneilt. Das erste Anpassungsmittel für den Kapitalismus in
bezug auf den Kredit müßte also darin bestehen, den Kredit
abzuschaffen, ihn rückgängig zu machen. So wie er ist, bildet
er nicht ein Anpassungs-, sondern ein Vernichtungsmittel von höchst
revolutionärer Wirkung. Hat doch eben dieser revolutionäre,
über den Kapitalismus selbst hinausführende Charakter des
Kredits sogar zu sozialistisch angehauchten Reformplänen verleitet,
und große Vertreter des Kredits, wie den Isaac Péreire
in Frankreich, wie Marx sagt, halb als Propheten, halb als Lumpen erscheinen
lassen.
Ebenso
hinfällig erweist sich nach näherer Betrachtung das zweite
»Anpassungsmittel« der kapitalistischen Produktion - die
Unternehmerverbände. Nach Bernstein sollen sie durch die Regulierung
der Produktion der Anarchie Einhalt tun und Krisen vorbeugen. Die Entwicklung
der Kartelle und Trusts ist freilich eine in ihren vielseitigen ökonomischen
Wirkungen noch nicht erforschte Erscheinung. Sie bildet erst ein Problem,
das nur an der Hand der Marxschen Lehre gelöst werden kann. Allein,
soviel ist auf jeden Fall klar: von einer Eindämmung der kapitalistischen
Anarchie durch die Unternehmerkartelle könnte nur in dem Maße
die Rede sein, als die Kartelle, Trusts usw. annähernd zu einer
allgemeinen, herrschenden Produktionsform werden sollten. Allein gerade
dies ist durch die Natur der Kartelle selbst ausgeschlossen. Der schließliche
ökonomische Zweck und die Wirkung der Unternehmerverbände
bestehen darin, durch den Ausschluß der Konkurrenz innerhalb einer
Branche auf die Verteilung der auf dem Warenmarkt erzielten Profitmasse
so einzuwirken, daß sie den Anteil dieses Industriezweiges an
ihr steigern. Die Organisation kann in einem Industriezweig nur auf
Kosten der anderen die Profitrate heben, und deshalb kann sie eben unmöglich
allgemein werden. Ausgedehnt auf alle wichtigeren Produktionszweige
hebt sie ihre Wirkung selbst auf.
Aber auch
in den Grenzen ihrer praktischen Anwendung wirken die Unternehmerverbände
gerade entgegengesetzt der Beseitigung der industriellen Anarchie. Die
bezeichnete Steigerung der Profitrate erzielen die Kartelle auf dem
inneren Markte in der Regel dadurch, daß sie die zuschüssigen
Kapitalportionen, die sie für den inneren Bedarf nicht verwenden
können, für das Ausland mit einer viel niedrigeren Profitrate
produzieren lassen, d.h. ihre Waren im Auslande viel billiger verkaufen
als im eigenen Lande. Das Ergebnis ist die verschärfte Konkurrenz
im Auslande, die vergrößerte Anarchie auf dem Weltmarkt,
d. h. gerade das Umgekehrte von dem, was erzielt werden will. Ein Beispiel
davon bietet die Geschichte der internationalen Zuckerindustrie.
Endlich
im ganzen als Erscheinungsform der kapitalistischen Produktionsweise
dürfen die Unternehmerverbände wohl nur als ein Übergangsstadium,
als eine bestimmte Phase der kapitalistischen Entwicklung aufgefaßt
werden. In der Tat! In letzter Linie betrachtet, sind die Kartelle eigentlich
ein Mittel der kapitalistischen Produktionsweise, den fatalen Fall der
Profitrate in einzelnen Produktionszweigen aufzuhalten. Welches ist
aber die Methode, der sich die Kartelle zu diesem Zwecke bedienen? Im
Grunde genommen ist es nichts anderes als die Brachlegung eines Teils
des akkumulierten Kapitals, d.h. dieselbe Methode, die in einer anderen
Form, in den Krisen zur Anwendung kommt. Ein solches Heilmittel gleicht
aber der Krankheit wie ein Ei dem anderen, und kann nur bis zu einem
gewissen Zeitpunkt als das kleinere Übel gelten. Beginnt der Absatzmarkt
sich zu verringern, indem der Weltmarkt bis aufs äußerste
ausgebildet und durch die konkurrierenden kapitalistischen Länder
erschöpft wird - und der frühere oder spätere Eintritt
eines solchen Moments kann offenbar nicht geleugnet werden -, dann nimmt
auch die erzwungene teilweise Brachlegung des Kapitals einen solchen
Umfang an, daß die Arznei selbst in Krankheit umschlägt und
das bereits durch die Organisation stark vergesellschaftete Kapital
sich in privates rückverwandelt. Bei dem verringerten Vermögen,
auf dem Absatzmarkt ein Plätzchen für sich zu finden, zieht
jede private Kapitalportion vor, auf eigene Faust das Glück zu
probieren. Die Organisationen müssen dann wie Seifenblasen platzen
und wieder einer freien Konkurrenz, in potenzierter Form, Platz machen.
Im ganzen
erscheinen also auch die Kartelle, ebenso wie der Kredit, als bestimmte
Entwicklungsphasen, die in letzter Linie die Anarchie der kapitalistischen
Welt nur noch vergrößern und alle ihre inneren Widersprüche
zum Ausdruck und zur Reife bringen. Sie verschärfen den Widerspruch
zwischen der Produktionsweise und der Austauschweise, indem sie den
Kampf zwischen den Produzenten und den Konsumenten auf die Spitze treiben,
wie wir dies besonders in den Vereinigten Staaten Amerikas erleben.
Sie verschärfen ferner den Widerspruch zwischen der Produktions-
und der Aneignungsweise, indem sie der Arbeiterschaft die Übermacht
des organisierten Kapitals in brutalster Form entgegenstellen und so
den Gegensatz zwischen Kapital und Arbeit aufs äußerste steigern.
Sie verschärfen
endlich den Widerspruch zwischen dem internationalen Charakter der kapitalistischen
Weltwirtschaft und dem nationalen Charakter des kapitalistischen Staates,
indem sie zur Begleiterscheinung einen allgemeinen Zollkrieg haben und
so die Gegensätze zwischen den einzelnen kapitalistischen Staaten
auf die Spitze treiben. Dazu kommt die direkte, höchst revolutionäre
Wirkung der Kartelle auf die Konzentration der Produktion, technische
Vervollkommnung usw.
So erscheinen
die Kartelle und Trusts in ihrer endgültigen Wirkung auf die kapitalistische
Wirtschaft nicht nur als kein »Anpassungsmittel«, das ihre
Widersprüche verwischt, sondern geradezu als eines der Mittel,
die sie selbst zur Vergrößerung der eigenen Anarchie, zur
Austragung der in ihr enthaltenen Widersprüche, zur Beschleunigung
des eigenen Unterganges geschaffen hat.
Allein,
wenn das Kreditwesen, die Kartelle und dergleichen die Anarchie der
kapitalistischen Wirtschaft nicht beseitigen, wie kommt es, daß
wir zwei Jahrzente lang - seit 1873 - keine allgemeine Handelskrise
hatten? Ist das nicht ein Zeichen, daß sich die kapitalistische
Produktionsweise wenigstens in der Hauptsache an die Bedürfnisse
der Gesellschaft tatsächlich »angepaßt« hat und
die von Marx gegebene Analyse überholt ist?
(Wlr glauben,
daß die jetzige Windstille auf dem Weltmarkt sich auf eine andere
Weise erklären läßt.
Man hat
sich gewöhnt, die bisherigen großen periodischen Handelskrisen
als die von Marx in seiner Analyse schematisierten Alterskrisen des
Kapitalismus zu betrachten. Die ungefähr zehnjährige Periodizität
des Produktionszyklus schien die beste Bestätigung dieses Schemas
zu sein. Diese Auffassung beruht jedoch unseres Erachtens auf einem
Mißverständnis. Faßt man näher ins Auge die jedesmaligen
Ursachen aller bisherigen großen internationalen Krisen, so muß
man zu der Überzeugung gelangen, daß sie sämtlich nicht
der Ausdruck der Altersschwäche der kapitalistischen Wirtschaft,
sondern vielmehr ihres Kindheitsalters waren. Schon eine kurze Besinnung
genügt, um von vornherein darzutun, daß der Kapitalismus
in den Jahren 1825, I836, I847 unmöglich jenen periodischen, aus
voller Reife entspringenden unvermeidlichen Anprall der Produktivkräfte
an die Marktschranken erzeugen konnte, wie es im Marxschen Schema aufgezeichnet
ist, da er damals in den meisten Ländern erst in den Windeln lag.)
In der
Tat, die Krise von 1825 war ein Resultat der großen Anlagen bei
Straßenbauten, Kanälen und Gaswerken, die in dem vorhergehenden
Jahrzehnt, vorzüglich in England, wie auch die Krise selbst, stattgefunden
haben. Die folgende Krise 1836-1839 war gleichfalls ein Ergebnis kolossaler
Gründungen bei der Anlage neuer Transportmittel. Die Krise von
1847 ist bekanntlich durch die fieberhaften englischen Eisenbahngründungen
heraufbeschworen worden (1844-1847, d.h. in drei Jahren allein wurden
vom Parlament neue Eisenbahnen für etwa 1½ Milliarden Taler
konzessioniert!). In allen drei Fällen sind es also verschiedene
Formen der Neukonstruierung der Wirtschaft des Kapitals, der Grundlegung
neuer Fundamente unter die kapitalistische Entwicklung, die die Krisen
im Gefolge hatten. Im Jahre 1857 sind es die plötzliche Eröffnung
neuer Absatzmärkte für die europäische Industrie in Amerika
und Australien infolge der Entdekkung von Goldminen, in Frankreich speziell
die Eisenbahngründungen, in denen es in Englands Fußstapfen
trat (1852-56 wurden für 1¼ Milliarden Franken neue Eisenbahnen
in Frankreich gegründet). Endlich die große Krise von 1873
ist bekanntlich eine direkte Folge der Neukonstituierung, des ersten
Sturmlaufs der Großindustrie in Deutschland und in Österreich,
die den politischen Ereignissen von 1866 und 1871 folgte.
Es war
also jedesmal die plötzliche Erweiterung des Gebiets der kapitalistischen
Wirtschaft und nicht die Einengung ihres Spielraums, nicht ihre Erschöpfung,
die bisher den Anlaß zu Handelskrisen gab. Daß jene internationalen
Krisen sich gerade alle zehn Jahre wiederholten, ist an sich eine rein
äußerliche, zufällige Erscheinung. Das Marxsche Schema
der Krisenbildung, wie Engels es in dem Anti-Dühring und Marx im
1. und 3. Band des »Kapital« gegeben haben, trifft auf alle
Krisen insofern zu, als es ihren inneren Mechanismus und ihre tiefliegenden
allgemeinen Ursachen aufdeckt.
(ln seinem
Ganzen paßt aber dieses Schema vielmehr auf eine vollkommen entwikkelte
kapitalistische Wirtschaft, wo der Weltmarkt als etwas bereits Gegebenes
vorausgesetzt wird. Nur dann können sich die Krisen aus der inneren
eigenen Bewegung des Produktions- und Austauschprozesses auf jene mechanische
Weise, ohne den äußeren Anlaß einer plötzlichen
Erschütterung in den Produktions- und Marktverhältnissen wiederholen,
wie es von der Marxschen Analyse angenommen wird. Wenn wir uns nun die
heutige ökonomische Lage vergegenwärtigen, so müssen
wir jedenfalls zugeben, daß wir noch nicht in jene Phase vollkommener
kapitalistischer Reife getreten sind, die bei dem Marxschen Schema der
Krisenperiodizität vorausgesetzt wird. Der Weltmarkt ist immer
noch in der Ausbildung begriffen. Deutschland und Österreich traten
erst in den 70er Jahren in die Phase der eigentlichen großindustriellen
Produktion, Rußland erst in den 80er Jahren, Frankreich ist bis
jetzt noch zum großen Teil kleingewerblich, die Balkanstaaten
haben noch zum beträchtlichen Teil nicht einmal die Fesseln der
Naturalwirtschaft abgestreift, erst in den 80er Jahren sind Amerika,
Australien und Afrika in einen regen und regelmäßigen Warenverkehr
mit Europa getreten. Wenn wir deshalb einerseits die plötzlichen
sprungweisen Erschließungen neuer Gebiete der kapitalistischen
Wirtschaft, wie sie bis zu den 70er Jahren periodisch auftraten, und
die bisherigen Krisen, sozusagen die Jugendkrisen, im Gefolge hatten,
bereits hinter uns haben, so sind wir andererseits noch nicht bis zu
jenem Grade der Ausbildung und der Erschöpfung des Weltmarkts vorgeschritten,
die einen fatalen, periodischen Anprall der Produktivkräfte an
die Marktschranken, die wirklichen kapitalistischen Alterskrisen, erzeugen
würde. Wir befinden uns in einer Phase, wo die Krisen nicht mehr
das Aufkommen des Kapitalismus und noch nicht seinen Untergang begleiten.
Diese Übergangsperiode charakterisiert sich auch durch den seit
etwa zwei Jahrzehnten anhaltenden, durchschnittlich matten Geschäftsgang,
wo kurze Perioden des Aufschwungs mit langen Perioden der Depression
abwechseln.
Daß
wir uns aber unaufhaltsam dem Anfang vom Ende, der Periode der kapitalistischen
Schlußkrisen nähern, das folgt eben aus denselben Erscheinungen,
die vorläufig das Ausbleiben der Krisen bedingen. Ist einmal der
Weltmarkt im großen und ganzen ausgebildet und kann er durch keine
plötzlichen Erweiterungen mehr vergrößert werden, schreitet
zugleich die Produktivität der Arbeit unaufhaltsam fort, dann beginnt
über kurz oder lang der periodische Widerstreit der Produktivkräfte
mit den Austauschschranken, der von selbst durch seine Wiederholung
immer schroffer und stürmischer wird. Und wenn etwas speziell dazu
geeignet ist, uns dieser Periode zu nähern, den Weltmarkt rasch
herzustellen und ihn rasch zu erschöpfen, so sind es eben diejenigen
Erscheinungen - das Kreditwesen und die Unternehmerorganisationen -,
auf die Bernstein als auf »Anpassungsmittel« des Kapitalismus
baut.)
Die Annahme,
die kapitalistische Produktion könnte sich dem Austausch »anpassen«,
setzt eins von beiden voraus: entweder, daß der WeltIrmarkt unumschränkt
und ins Unendliche wächst, oder umgekehrt, daß die Produktivkräfte
in ihrem Wachsturn gehemmt werden, damit sie nicht über die Marktschranken
hinauseilen. Ersteres ist eine physische Unmöglichkeit, letzterem
steht die Tatsache entgegen, daß auf Schritt und Tritt technische
Umwälzungen auf allen Gebieten der Produktion vor sich gehen und
jeden Tag neue Produktivkräfte wachrufen.
Noch eine
Erscheinung widerspricht nach Bernstein dem bezeichneten Gang der kapitalistischen
Dinge: die »schier unerschütterliche Phalanx« der Mittelbetriebe,
auf die er uns hinweist. Er sieht darin ein Zeichen, daß die großindustrielle
Entwicklung nicht so revolutionierend und konzentrierend wirkt, wie
es nach der »Zusammenbruchstheorie« hätte erwartet
werden müssen. Allein er wird auch hier zum Opfer des eigenen Mißverständnisses.
Es hieße in der Tat die Entwicklung der Großindustrie ganz
falsch auffassen, wenn man erwarten würde, es sollten dabei die
Mittelbetriebe stufenweise von der Oberfläche verschwinden.
In dem
allgemeinen Gange der kapitalistischen Entwicklung spielen gerade nach
der Annahme von Marx die Kleinkapitale die Rolle der Pioniere der technischen
Revolution, und zwar in doppelter Hinsicht, ebenso in bezug auf neue
Produktionsmethoden in alten und befestigten, fest eingewurzelten Branchen,
wie auch in bezug auf Schaffung neuer, von großen Kapitalien noch
gar nicht exploitierter Produktionszweige. Vollkommen falsch ist die
Auffassung, als ginge die Geschichte des kapitalistischen Mittelbetriebes
in gerader Linie abwärts zum stufenweisen Untergang. Der tatsächliche
Verlauf der Entwicklung ist vielmehr auch hier rein dialektisch und
bewegt sich beständig zwischen Gegensätzen. Der kapitalistische
Mittelstand befindet sich ganz wie die Arbeiterklasse unter dem Einfluß
zweier entgegengesetzter Tendenzen, einer ihn erhebenden und einer ihn
herabdrückenden Tendenz. Die herabdrükckende Tendenz ist gegebenenfalls
das beständige Steigen der Stufenleiter der Produktion, welche
den Umfang der Mittelkapitale periodisch überholt und sie so immer
wieder aus dem Wettkampf herausschleudert. Die hebende Tendenz ist die
periodische Entwertung des vorhandenen Kapitals, die die Stufenleiter
der Produktion - dem Werte des notwendigen Kapitalminimums nach - immer
wieder für eine Zeitlang senkt, sowie das Eindringen der kapitalistischen
Produktion in neuen Sphären. Der Kampf des Mittelbetriebes mit
dem Großkapital ist nicht als eine regelmäßige Schlacht
zu denken, wo der Trupp des schwächeren Teiles direkt und quantitativ
immer mehr zusammenschmilzt, sondern vielmehr als ein periodisches Abmähen
der Kleinkapitale, die dann immer wieder rasch aufkommen, um von neuem
durch die Sense der Großindustrie abgemäht zu werden. Von
den beiden Tendenzen, die mit dem kapitalistischen Mittelstand Fangball
spielen, siegt in letzter Linie - im Gegensatz zu der Entwicklung der
Arbeiterklasse - die herabdrückende Tendenz. Dies braucht sich
aber durchaus nicht in der absoluten zahlenmäßigen Abnahme
der Mittelbetriebe zu äußern, sondern erstens in dem allmählich
steigenden Kapitalminimum, das zum existenzfähigen Betriebe in
den alten Branchen nötig ist, zweitens in der immer kürzeren
Zeitspanne, während der sich Kleinkapitale der Exploitation neuer
Branchen auf eigene Hand erfreuen. Daraus folgt für das individuelle
Kleinkapital eine immer kürzere Lebensfrist und ein immer rascherer
Wechsel der Produktionsmethoden wie der Anlagearten, und für die
Klasse im ganzen ein immer rascherer sozialer Stoffwechsel.
Letzteres
weiß Bernstein sehr gut, und er stellt es selbst fest. Was er
aber zu vergessen scheint, ist, daß damit das Gesetz selbst der
Bewegung der kapitalistischen Mittelbetriebe gegeben ist. Sind die Kleinkapitale
einmal die Vorkärnpfer des technischen Fortschrittes, und ist der
technische Fortschritt der Lebenspulsschlag der kapitalistischen Wirtschaft,
so bilden offenbar die Kleinkapitale eine unzertrennliche Begleiterscheinung
der kapitalistischen Entwicklung, die erst mit ihr zusammen verschwinden
kann. Das stufenweise Verschwinden der Mittelbetriebe - im Sinne der
absoluten summarischen Statistik, um die es sich bei Bernstein handelt
- würde bedeuten, nicht wie Bemstein meint, den revolutionären
Entwicklungsgang des Kapitalismus, sondern gerade umgekehrt eine Stockung,
Einschlummerung des letzteren. »Die Profitrate, d.h. der verhältnismäßige
Kapitalzuwachs ist vor allem wichtig für alle neuen, sich selbständig
gruppierenden Kapitalableger. Und sobald die Kapitalbildung ausschließlich
in die Hände einiger wenigen fertigen Großkapitale fiele,...
wäre überhaupt das belebende Feuer der Produktion erloschen.
Sie würde einschlummern.«
(Die Bernsteinschen
Anpassungsmittel erweisen sich somit als unwirksam, und die Erscheinungen,
die er als Symptome der Anpassung erklärt, müssen auf ganz
andere Ursachen zurückgeführt werden.)
3. Einführung
des Sozialismus durch soziale Reformen
Bernstein verwirft die »Zusammenbruchstheorie« als den historischen
Weg zur Verwirklichung der sozialistischen Gesellschaft. Welches ist
der Weg, der vom Standpunkte der »Anpassungstheorie des Kapitalismus«
dazu führt? Bernstein hat diese Frage nur andeutungsweise beantwortet,
den Versuch, sie ausführlicher im Sinne Bernsteins darzustellen,
hat Konrad Schmidt gemacht.4 Nach ihm wird »der gewerkschaftliche
Kampf und der politische Kampf um soziale Reformen eine immer weiter
erstreckte gesellschaftliche Kontrolle über die Produktionsbedingungen«
herbeiführen und durch die Gesetzgebung »den Kapitaleigentümer
durch Beschränkung seiner Rechte mehr und mehr in die Rolle eines
Verwalters herabdrücken«, bis schließlich »dem
mürbe gemachten Kapitalisten, der seinen Besitz immer wertloser
für sich selbst werden sieht, die Leitung und Verwaltung des Betriebes
abgenommen« und so endgültig der gesellschaftliche Betrieb
eingeführt wird.
Also Gewerkschaften,
soziale Reformen und noch, wie Bernstein hinzufügt, die politische
Demokratisierung des Staates, das sind Mittel der allmählichen
Einführung des Sozialismus.
Um bei
den Gewerkschaften anzufangen, so besteht ihre wichtigste Funktion -
und niemand hat es besser dargetan als Bernstein selbst im Jahre 1891
in der 'Neuen Zeit' - darin, daß sie auf seiten der Arbeiter das
Mittel sind, das kapitalistische Lohngesetz, d.h. den Verkauf der Arbeitskraft
nach ihrem jeweiligen Marktpreis, zu verwirklichen. Worin die Gewerkschaften
dem Proletariat dienen, ist, die in jedem Zeitpunkte gegebenen Konjunkturen
des Marktes für sich auszunutzen. Diese Konjunkturen selbst aber,
d.h. einerseits die von dem Produktionsstand bedingte Nachfrage nach
Arbeitskraft, andererseits das durch Proletarisierung der Mittelschichten
und natürliche Fortpflanzung der Arbeiterklasse geschaffene Angebot
der Arbeitskraft, endlich auch der jeweilige Grad der Produktivität
der Arbeit, liegen außerhalb der Einwirkungssphäre der Gewerkschaften.
Sie können deshalb das Lohngesetz nicht umstürzen; sie können
im besten Falle die kapitalistische Ausbeutung in die jeweilig »normalen«
Schranken weisen, keineswegs aber die Ausbeutung selbst stufenweise
aufheben.
Konrad
Schmidt nennt freilich die jetzige gewerkschaftliche Bewegung »schwächliche
Anfangsstadien« und verspricht sich von der Zukunft, daß
»das Gewerkschaftswesen auf die Regulierung der Produktion selbst
einen immer steigenden Einfluß gewinnt«. Unter der Regulierung
der Produktion kann man aber nur zweierlei verstehen: die Einmischung
in die technische Seite des Produktionsprozesses und die Bestimmung
des Umfangs der Produktion selbst. Welcher Natur kann in diesen beiden
Fragen die Einwirkung der Gewerkschaften sein? Es ist klar, daß,
was die Technik der Produktion betrifft, das Interesse des Kapitalisten
mit dem Fortschritt und der Entwicklung der kapitalistischen Wirtschaft
in gewissen Grenzen zusammenfällt. Es ist die eigene Not, die ihn
zu technischen Verbesserungen anspomt. Die Stellung des einzelnen Arbeiters
hingegen ist gerade entgegengesetzt: jede technische Umwälzung
widerstreitet den Interessen der direkt dadurch berührten Arbeiter
und verschlechtert ihre unmittelbare Lage, indem sie die Arbeitskraft
entwertet, die Arbeit intensiver, eintöniger, qualvoller macht.
Insofern sich die Gewerkschaft in die technische Seite der Produktion
einmischen kann, kann sie offenbar nur im letzteren Sinne, d.h. im Sinne
der direkt interessierten einzelnen Arbeitergruppe handeln, also sich
Neuerungen widersetzen. In diesem Falle handelt sie aber nicht im Interesse
der Arbeiterklasse im ganzen und ihrer Emanzipation, die vielmehr mit
dem technischen Fortschritt, d.h. mit dem Interesse des einzelnen Kapitalisten
übereinstimmen, sondern gerade entgegengesetzt, im Sinne der Reaktion.
Und in der Tat, wir finden das Bestreben, auf die technische Seite der
Produktion einzuwirken, nicht in der Zukunft, wo Konrad Schmidt sie
sucht, sondern in der Vergangenheit der Gewerkschaftsbewegung. Sie bezeichnet
die ältere Phase des englischen Trade Unionismus (bis in die 6oer
Jahre), wo er noch an mittelalterlich-zünftlerische Überlieferungen
anknüpfte und charakteristischerweise von dem veralteten Grundsatz
des »erworbenen Rechts auf angemessene Arbeit« getragen
war.5 Die Bestrebung der Gewerkschaften, den Umfang der Produktion und
die Warenpreise zu bestimmen, ist hingegen eine Erscheinung ganz neuen
Datums. Erst in der allerletzten Zeit sehen wir - wiederum nur in England
- dahingehende Versuche auftauchen.6 Dem Charakter und der Tendenz nach
sind aber auch diese Bestrebungen jenen ganz gleichwertig. Denn worauf
reduziert sich notwendigerweise die aktive Teilnahme der Gewerkschaft
an der Bestimmung des Umfangs und der Preise der Warenproduktion? Auf
ein Kartell der Arbeiter mit den Unternehmern gegen den Konsumenten,
und zwar unter Gebrauch von Zwangsmaßregeln gegen konkurrierende
Unternehmer, die den Methoden der regelrechten Unternehmerverbände
in nichts nachstehen. Es ist dies im Grunde genommen kein Kampf zwischen
Arbeit und Kapital mehr, sondern ein solidarischer Kampf des Kapitals
und der Arbeitskraft gegen die konsumierende Gesellschaft. Seinem sozialen
Werte nach ist das ein reaktionäres Beginnen, das schon deshalb
keine Etappe in dem Emanzipationskampfe des Proletariats bilden kann,
weil es vielmehr das gerade Gegenteil von einem Klassenkampf darstellt.
Seinem praktischen Werte nach ist das eine Utopie, die sich, wie eine
kurze Besinnung dartut, nie auf größere und für den
Weltmarkt produzierende Branchen erstrecken kann.
Die Tätigkeit
der Gewerkschaften beschränkt sich also in der Hauptsache auf den
Lohnkampf und die Verkürzung der Arbeitszeit, d.h. bloß auf
die Regulierung der kapitalistischen Ausbeutung je nach den Marktverhältnissen;
die Einwirkung auf den Produktionsprozeß bleibt ihnen der Natur
der Dinge nach verschlossen. Ja, noch mehr, der ganze Zug der gewerkschaftlichen
Entwicklung richtet sich gerade umgekehrt, wie es Konrad Schmidt annimmt,
auf die völlige Ablösung des Arbeitsmarktes von jeder unmittelbaren
Beziehung zu dem übrigen Warenmarkt. Am bezeichnenfsten hierfür
ist die Tatsache, daß sogar die Bestrebung, den Arbeitskontrakt
wenigstens passiv mit der allgemeinen Produktionslage in unmittelbare
Beziehung zu bringen, durch das System der gleitenden Lohnlisten nunmehr
von der Entwicklung überholt ist, und daß sich die englischen
Trade Unions von ihnen immer mehr abwenden.7
Aber auch
in den tatsächlichen Schranken ihrer Einwirkung geht die gewerkschaftliche
Bewegung, nicht wie es die Theorie der Anpassung des Kapitals voraussetzt,
einer unumschränkten Ausdehnung entgegen. Ganz umgekehrt! Faßt
man größere Strecken der sozialen Entwicklung ins Auge, so
kann man sich der Tatsache nicht verschließen, daß wir im
großen und ganzen nicht Zeiten einer siegreichen Machtentfaltung,
sondern wachsenden Schwierigkeiten der gewerkschaftlichen Bewegung entgegengehen.
Hat die Entwicklung der Industrie ihren Höhepunkt erreicht und
beginnt für das Kapital auf dem Weltmarkt der »absteigende
Ast«, dann wird der gewerkschaftliche Kampf doppelt schwierig:
erstens verschlimmern sich die objektiven Konjunkturen des Marktes für
die Arbeitskraft, indem die Nachfrage langsamer, das Angebot aber rascher
steigt, als es jetzt der Fall ist, zweitens greift das Kapital selbst,
urn sich für die Verluste auf dem Weltmarkt zu entschädigen,
um so hartnäckiger auf die dem Arbeiter zukommende Portion des
Produktes zurück. Ist doch die Reduzierung des Arbeitslohnes eines
der wichtigsten Mittel, den Fall der Profitrate aufzuhalten. England
bietet uns bereits das Bild des beginnenden zweiten Stadiums in der
gewerkschaftlichen Bewegung. Sie reduzirt sich dabei notgedrungen immer
mehr auf die bloße Verteidigung des bereits Errungenen, und auch
diese wird immer schwieriger. Der bezeichnete allgemeine Gang der Dinge
ist es, dessen Gegenstück der Aufschwung des politischen und sozialistischen
Klassenkampfes sein muß.
Den gleichen
Fehler der umgekehrten geschichtlichen Perspektive begeht Konrad Schmidt
in bezug auf die Sozialreform, von der er sich verspricht, daß
sie »Hand in Hand mit den gewerkschaftlichen Arbeiterkoalitionen
der Kapitalistenklasse die Bedingungen, unter denen sie allein Arbeitskräfte
verwenden darf, aufoktroyiert«. Im Sinne der so aufgefaßten
Sozialreform nennt Bernstein die Fabrikgesetze ein Stück »gesellschaftliche
Kontrolle« und als solche - ein Stück Sozialismus. Auch Konrad
Schmidt sagt überall, wo er vom staatlichen Arbeiterschutz spricht,
»gesellschaftliche Kontrolle«, und hat er so glücklich
den Staat in Gesellschaft verwandelt, dann setzt er schon getrost hinzu:
»d.h. die aufstrebende Arbeiterklasse«, und durch diese
Operation verwandeln sich die harmlosen Arbeiterschutzbestimmungen des
deutschen Bundesrates in sozialistische Übergangsmaßregeln
des deutschen Proletariats.
Die Mystifikation
liegt hier auf der Hand. Der heutige Staat ist eben keine »Gesellschaft«
im Sinne der »aufstrebenden Arbeiterklasse«, sondern Vertreter
der kapitalistischen Gesellschaft, d.h. Klassenstaat. Deshalb ist auch
die von ihm gehandhabte Sozialreform nicht eine Betätigung der
»gesellschaftlichen Kontrolle«, d.h. der Kontrolle der freien
arbeitenden Gesellschaft über den eigenen Arbeitsprozeß,
sondern eine Kontrolle der Klassenorganisation des Kapitals über
den Produktionsprozeß des Kapitals. Darin, d.h. in den Interessen
des Kapitals, findet denn auch die Sozialreform ihre natürlichen
Schranken. Freilich, Bernstein und Konrad Schmidt sehen auch in dieser
Beziehung in der Gegenwart bloß »schwächliche Anfangsstadien«
und versprechen sich von der Zukunft eine ins Unendliche steigende Sozialreform
zugunsten der Arbeiterklasse. Allein sie begehen dabei den gleichen
Fehler, wie in der Annahme einer unumschränkten Machtentfaltung
der Gewerkschaftsbewegung.
Die Theorie
der allmählichen Einführung des Sozialismus durch soziale
Reformen setzt als Bedingung, und hier liegt ihr Schwerpunkt, eine bestimmte
objektive Entwicklung ebenso des kapitalistischen Eigentums wie des
Staates, voraus. In bezug auf das erstere geht das Schema der künftigen
Entwicklung, wie es Konrad Schmidt voraussetzt, dahin, »den Kapitaleigentümer
durch Beschränkung seiner Rechte mehr und mehr in die Rolle eines
Verwalters herabzudrücken«. Angesichts der angeblichen Unmöglichkeit
der einmaligen plötzlichen Expropriation der Produktionsmittel
macht sich Konrad Schmidt eine Theorie der stufenweisen Enteignung zurecht.
Hierfür konstruiert er sich als notwendige Voraussetzung eine Zersplitterung
des Eigentumsrechts in ein »Obereigentum«, das er der »Gesellschaft«
zuweist, und das er immer mehr ausgedehnt wissen will, und ein Nutznießrecht,
das in den Händen des Kapitalisten immer mehr zur bloßen
Verwaltung seines Betriebes zusammenschrumpft. Nun ist diese Konstruktion
entweder ein harmloses Wortspiel, bei dem nichts Wichtiges weiter gedacht
wurde. Dann bleibt die Theorie der allmählichen Expropriation ohne
alle Deckung. Oder es ist ein ernst gemeintes Schema der rechtlichen
Entwicklung. Dann ist es aber völlig verkehrt. Die Zersplitterung
der im Eigentumsrecht liegenden verschiedenen Befugnisse, zu der Konrad
Schmidt für seine »stufenweise Expropriation« des Kapitals
Zuflucht nimmt, ist charakteristisch für die feudal-naturalwirtschaftliche
Gesellschaft, in der die Verteilung des Produktes unter die verschiedenen
Gesellschaftsklassen in natura und auf Grund persönlicher Beziehungen
zwischen den Feudalherren und ihren Untergebenen vor sich ging. Der
Zerfall des Eigentums in verschiedene Teilrechte war hier die im voraus
gegebene Organisation der Verteilung des gesellschaftlichen Reichtums.
Mit dem Übergang zur Warenproduktion und der Auflösung aller
persönlichen Bande zwischen den einzelnen Teilnehmern des Produktionsprozesses
befestigte sich umgekehrt das Verhältnis zwischen Mensch und Sache
- das Privateigentum. Indem die Verteilung sich nicht mehr durch persönliche
Beziehungen, sondern durch den Austausch vollzieht, messen sich verschiedene
Anteilansprüche an dem gesellschaftlichen Reichtum nicht in Splittern
des Eigentumsrechts an einem gemeinsamen Objekt, sondern in dem von
jedermann zu Markte gebrachten Wert. Der erste Umschwung in rechtlichen
Beziehungen, der das Aufkommen der Warenproduktion in den städtischen
Kommunen des Mittelalters begleitete, war auch die Ausbildung des absoluten
geschlossenen Privateigentums im Schoße der feudalen Rechtsverhältnisse
mit geteiltem Eigentum. In der kapitalistischen Produktion setzt sich
aber diese Entwicklung weiter fort. Je mehr der Produktionsprozeß
vergesellschaftet wird, um so mehr beruht der Verteilungsprozeß
auf reinem Austausch und um so unantastbarer und geschlossener wird
das kapitalistische Privateigentum, um so mehr schlägt das Kapitaleigentum
aus einem Recht auf das Produkt der eigenen Arbeit in ein reines Aneignungsrecht
gegenüber fremder Arbeit um. So lange der Kapitalist selbst die
Fabrik leitet, ist die Verteilung noch bis zu einem gewissen Grade an
persönliche Teilnahme an dem Produktionsprozeß geknüpft.
In dem Maße, wie die persönliche Leitung des Fabrikanten
überflüssig wird, und vollends in den Aktiengesellschaften,
sondert sich das Eigentum an Kapital als Anspruchstitel bei der Verteilung
gänzlich von persönlichen Beziehungen zur Produktion und erscheint
in seiner reinsten, geschlossenen Form. In dem Aktienkapital und dem
industriellen Kreditkapital gelangt das kapitalistische Eigentumsrecht
erst zu seiner vollen Ausbildung.
Das geschichtliche
Schema der Entwicklung des Kapitalisten, wie es Konrad Schmidt zeichnet:
»vom Eigentümer zum bloßen Verwalter«, erscheint
somit als die auf den Kopf gestellte tatsächliche Entwicklung,
die umgekehrt vom Eigentümer und Verwalter zum bloßen Eigentümer
führt. Es geht hier Konrad Schmidt wie Goethe:
Was er
besitzt, das sieht er wie im Weiten, Und was verschwand, wird ihm zu
Wirklichkeiten.
Und wie
sein historisches Schema ökonomisch von der modernen Aktiengesellschaft
auf die Manufakturfabrik oder gar auf die Handwerker-Werkstatt zurückgeht,
so will es rechtlich die kapitalistische Welt in die feudal-naturalwirtschaftlichen
Eierschalen zurückstecken.
Von diesem
Standpunkte erscheint auch die »gesellschaftliche Kontrolle«
in einem anderen Lichte, als sie Konrad Schmidt sieht. Das, was heute
als »gesellschaftliche Kontrolle« funktioniert - der Arbeiterschutz,
die Aufsicht über Aktiengesellschaften usw. - hat tatsächlich
mit einem Anteil am Eigentumsrecht, mit »Obereigentum« nicht
das geringste zu tun. Sie betätigt sich nicht als Beschränkung
des kapitalistischen Eigentums, sondern umgekehrt als dessen Schutz.
Oder ökonomisch gesprochen, sie bildet nicht einen Eingriff in
die kapitalistische Ausbeutung, sondern eine Normierung. Ordnung dieser
Ausbeutung. Und wenn Bernstein die Frage stellt, ob in einem Fabrikgesetz
viel oder wenig Sozialismus steckt, so können wir ihm versichern,
daß in dem allerbesten Fabrikgesetz genau so viel »Sozialismus«
steckt wie in den Magistratsbestimmungen über die Straßenreinigung
und das Anzünden der Gaslaternen, was ja auch »gesellschaftliche
Kontrolle« ist.
4. Zollpolitik
und Militarismus
Die zweite Voraussetzung der allmählichen Einführung des Sozialismus
bei Ed. Bernstein ist die Entwicklung des Staates zur Gesellschaft.
Es ist dies bereits zum Gemeinplatz geworden, daß der heutige
Staat ein Klassenstaat ist. Indes müßte unseres Erachtens
auch dieser Satz, wie alles, was auf die kapitalistische Gesellschaft
Bezug hat, nicht in einer starren, absoluten Gültigkeit, sondern
in der fließenden Entwicklung aufgefaßt werden.
Mit dem
politischen Sieg der Bourgeoisie ist der Staat zum kapitalistischen
Staat geworden. Freilich, die kapitalistische Entwicklung selbst verändert
die Natur des Staates wesentlich, indem sie die Sphäre seiner Wirkung
immer mehr erweitert, ihm immer neue Funktionen zuweist, namentlich
in bezug auf das ökonomische Leben seine Einmischung und Kontrolle
darüber immer notwendiger macht. Insofern bereitet sich allmählich
die künftige Verschmelzung des Staates mit der Gesellschaft vor,
sozusagen der Rückfall der Funktionen des Staates an die Gesellschaft.
Nach dieser Richtung hin kann man auch von einer Entwicklung des kapitalistischen
Staats zur Gesellschaft sprechen, und in diesem Sinne zweifellos, sagt
Marx, der Arbeiterschutz sei die erste bewußte Einmischung »der
Gesellschaft« in ihren sozialen Lebensprozeß, ein Satz,
auf den sich Bernstein beruft.
Aber auf
der anderen Seite vollzieht sich im Wesen des Staates durch dieselbe
kapitalistische Entwicklung eine andere Wandlung. Zunächst ist
der heutige Staat - eine Organisation der herrschenden Kapitalistenklasse.
Wenn er im Interesse der gesellschaftlichen Entwicklung verschiedene
Funktionen von allgemeinem Interesse übernimmt, so nur, weil und
insofern diese Interessen und die gesellschaftliche Entwicklung mit
den Interessen der herrschenden Klasse im allgemeinen zusammenfallen.
Der Arbeiterschutz z.B. liegt ebenso sehr im unmittelbaren Interesse
der Kapitalisten als Klasse, wie der Gesellschaft im ganzen. Aber diese
Harmonie dauert nur bis zu einem gewissen Zeitpunkt der kapitalistischen
Entwicklung. Hat die Entwicklung einen bestimmten Höhepunkt erreicht,
dann fangen die Interessen der Bourgeoisie als Klasse und die des ökonomischen
Fortschritts an, auch im kapitalistischen Sinne auseinanderzugehen.
Wir glauben, daß diese Phase bereits herangebrochen ist, und dies
äußert sich in den zwei wichtigsten Erscheinungen des heutigen
sozialen Lebens: in der Zollpolitik und im Militarismus. Beides - Zollpolitik
wie Militarismus - haben in der Geschichte des Kapitalismus ihre unentbehrliche
und insofern fortschrittliche, revolutionäre Rolle gespielt. Ohne
den Zollschutz wäre das Aufkommen der Großindustrie in den
einzelnen Ländern kaum möglich gewesen. Heute liegen aber
die Dinge anders (ln allen wichtigsten Ländern und zwar gerade
in denen, die am meisten Zollpolitik treiben, ist die kapitalistische
Produktion so ziemlich zum gleichen Durchschnitt gelangt.)
Vom Standpunkte
der kapitalistischen Entwicklung, d.h. vom Standpunkte der Weltwirtschaft,
ist es heute ganz gleichgültig, ob Deutschland nach England mehr
Waren ausführt oder England nach Deutschland. Vom Standpunkt derselben
Entwicklung hat also der Mohr seine Arbeit getan und könnte gehen.
Ja, er müßte gehen. Bei der heutigen gegenseitigen Abhängigkeit
verschiedener Industriezweige müssen Schutzzölle auf irgendwelche
Waren die Produktion anderer Waren im Inlande verteuern, d.h. die Industrie
wieder unterbinden. Nicht aber so vom Standpunkte der Interessen der
Kapitalistenklasse. Die Industrie bedarf zu ihrer Entwicklung des Zollschutzes
nicht, wohl aber die Unternehmer zum Schutze ihres Absatzes. Das heißt
die Zölle dienen heute nicht mehr als Schutzmittel einer aufstrebenden
kapitalistischen Produktion gegen eine reifere, sondern als Kampfrnittel
einer nationalen Kapitalistengruppe gegen eine andere. Die Zölle
sind ferner nicht mehr nötig als Schutzmittel der Industrie, um
einen inländischen Markt zu bilden und zu erobern, wohl aber als
unentbehrliches Mittel zur Kartellierung der Industrie, d.h. zum Kampfe
der kapitalistischen Produzenten mit der konsumierenden Gesellschaft.
Endlich, was am grellsten den spezifischen Charakter der heutigen Zollpolitik
markiert, ist die Tatsache, daß jetzt überall die ausschlaggebende
Rolle darin überhaupt nicht die Industrie, sondern die Landwirtschaft
spielt, d.h. daß die Zollpolitik eigentlich zu einem Mittel geworden
ist, feudale Interessen in kapitalistische Form zu gießen und
zum Ausdruck zu bringen.
Die gleiche
Wandlung ist mit dem Militarismus vorgegangen. Wenn wir die Geschichte
betrachten, nicht wie sie hätte sein können oder sollen, sondern
wie sie tatsächlich war, so müssen wir konstatieren, daß
der Krieg den unentbehrlichen Faktor der kapitalistischen Entwicklung
bildete. Die Vereinigten Staaten Nordamerikas und Deutschland, Italien
und die Balkanstaaten, Rußland und Polen, sie alle verdanken die
Bedingungen oder den Anstoß zur kapitalistischen Entwicklung den
Kriegen, gleichviel ob dem Sieg oder der Niederlage. Solange als es
Länder gab, deren innere Zersplitterung oder deren naturalwirtschaftliche
Abgeschlossenheit zu überwinden war, spielte auch der Militarismus
eine revolutionäre Rolle im kapitalistischen Sinne. Heute liegen
auch hier die Dinge anders. (Der Militarismus hat keine Länder
mehr dem Kapitalismus zu erschließen.) (I) Wenn die Weltpolitik
zum Theater drohender Konflikte geworden ist, so handelt es sich nicht
sowohl um die Erschließung neuer Länder für den Kapitalismus,
als um fertige europäische Gegensätze, die sich nach den anderen
Weltteilen verpflanzt haben und dort zum Durchbruch kommen. Was heute
gegeneinander mit der Waffe in der Hand auftritt, gleichviel ob in Europa
oder in anderen Weltteilen, sind nicht einerseits kapitalistische, andererseits
naturalwirtschaftliche Länder, sondern Staaten, die gerade durch
die Gleichartigkeit ihrer hohen kapitalistischen Entwicklung zum Konflikt
getrieben werden. Für diese Entwicklung selbst kann freilich unter
diesen Umständen der Konflikt, wenn er zum Durchbruch kommt, nur
von fataler Bedeutung sein, indem er die tiefste Erschütterung
und Umwälzung des wirtschaftlichen Lebens in allen kapitalistischen
Ländern herbeiführen wird. Anders sieht aber die Sache aus
vom Standpunkte der Kapitalistenklasse. Für sie ist heute der Militarismus
in dreifacher Beziehung unentbehrlich geworden: erstens als Kampfmittel
für konkurrierende »nationale« Interessen gegen andere
nationale Gruppen, zweitens als wichtigste Anlageart ebenso für
das finanzielle wie für das industrielle Kapital, und drittens
als Werkzeug der Klassenherrschaft im Inlande gegenüber dem arbeitenden
Volke - alles Interessen, die mit dem Fortschritt der kapitalistischen
Produktionsweise an sich nichts gemein haben. Und was am besten wiederum
diesen spezifischen Charakter des heutigen Militarismus verrät,
ist erstens sein allgemeines Wachstum in allen Ländern um die Wette,
sozusagen durch eigene, innere, mechanische Triebkraft, eine Erscheinung,
die noch vor ein paar Jahrzehnten ganz unbekannt war, ferner die Unvermeidlichkeit,
das Fatale der herannahenden Explosion bei gleichzeitiger völliger
Unbestimmtheit des Anlasses, der zunächst interessierten Staaten,
des Streitgegenstandes und aller näheren Umstände. Aus einer
Triebkraft der kapitalistischen Entwicklung ist auch der Militarismus
zur kapitalistischen Krankheit geworden.
Bei dem
dargelegten Zwiespalt zwischen der gesellschaftlichen Entwicklung und
den herrschenden Klasseninteressen stellt sich der Staat auf die Seite
der letzteren. Er tritt in seiner Politik, ebenso wie die Bourgeoisie,
in Gegensatz zu der gesellschaftlichen Entwicklung, er verliert somit
immer mehr seinen Charakter des Vertreters der gesamten Gesellschaft
und wird in gleichem Maße immer mehr zum reinen Klassenstaate.
Oder, richtiger ausgesprochen, diese seine beiden Eigenschaften trennen
sich voneinander und spitzen sich zu einem Widerspruche innerhalb des
Wesens des Staates zu. Und zwar wird der bezeichnete Widerspruch mit
jedem Tage schärfer. Denn einerseits wachsen die Funktionen des
Staates von allgemeinem Charakter, seine Einmischung in das gesellschaftliche
Leben, seine »Kontrolle« darüber. Andererseits aber
zwingt ihn sein Klassencharakter immer mehr, den Schwerpunkt seiner
Tätigkeit und seine Machtmittel auf Gebiete zu verlegen, die nur
für das Klasseninteresse der Bourgeoisie von Nutzen, für die
Gesellschaft nur von negativer Bedeutung sind, den Militarismus, die
Zoll- und Kolonialpolitik. Zweitens wird dadurch auch seine »gesellschaftliche
Kontrolle« immer mehr vom Klassencharakter durchdrungen und beherrscht
(siehe die Handhabung des Arbeiterschutzes in allen Ländern).
Der bezeichneten
Wandlung im Wesen des Staates widerspricht nicht, entspricht vielmehr
vollkommen die Ausbildung der Demokratie, in der Bernstein ebenfalls
das Mittel der stufenweisen Einführung des Sozialismus sieht.
Wie Konrad
Schmidt erläutert, soll die Erlangung einer sozialdemokratischen
Mehrheit im Parlament sogar der direkte Weg dieser stufenweisen Sozialisierung
der Gesellschaft sein. Die demokratischen Formen des politischen Lebens
sind nun zweifellos eine Erscheinung, die am stärksten die Entwicklung
des Staates zur Gesellschaft zum Ausdruck bringt und insofern eine Etappe
zur sozialistischen Umwälzung bildet. Allein der Zwiespalt irn
Wesen des kapitalistischen Staates, den wir charakterisiert haben, tritt
in dem modernen Parlamentarismus um so greller zutage. Zwar der Form
nach dient der Parlamentarismus dazu, in der staatlichen Organisation
die Interessen der gesamten Gesellschaft zum Ausdruck zu bringen. Andererseits
aber ist es doch nur die kapitalistische Gesellschaft, d.h. eine Gesellschaft,
in der die kapitalistischen Interessen maßgebend sind, die er
zum Ausdruck bringt. Die der Form nach demokratischen Einrichtungen
werden somit dem Inhalt nach zum Werkzeuge der herrschenden Klasseninteressen.
Dies tritt in greifbarer Weise in der Tatsache zutage, daß, sobald
die Demokratie die Tendenz hat, ihren Klassencharakter zu verleugnen
und in ein Werkzeug der tatsächlichen Volksinteressen umzuschlagen,
die demokratischen Formen selbst von der Bourgeoisie und ihrer staatlichen
Vertretung geopfert werden. Die Idee von einer sozialdemokratischen
Parlamentsmehrheit erscheint angesichts dessen als eine Kalkulation,
die ganz im Geiste des bürgerlichen Liberalismus bloß mit
der einen, formellen Seite der Demokratie rechnet, die andere Seite
aber, ihren reellen Inhalt, völlig außer acht läßt.
Und der Parlamentarismus im ganzen erscheint nicht als ein unmittelbar
sozialistisches Element, das die kapitalistische Gesellschaft allmählich
durchtränkt, wie Bernstein annimmt, sondern umgekehrt als ein spezifisches
Mittel des bürgerlichen Klassenstaates, die kapitalistischen Gegensätze
zur Reife und zur Ausbildung zu bringen.
Angesichts
dieser objektiven Entwicklung des Staates verwandelt sich der Satz Bernsteins
und Konrad Schmidts von der direkt den Sozialismus herbeiführenden,
wachsenden »gesellschaftlichen Kontrolle« in eine Phrase,
die mit jedem Tage mehr der Wirklichkeit widerspricht.
Die Theorie
von der stufenweisen Einführung des Sozialismus läuft hinaus
auf eine allmähliche Reform des kapitalistischen Eigentums und
des kapitalistischen Staates irn sozialistischen Sinne. Beide entwickeln
sich jedoch kraft objektiver Vorgänge der gegenwärtigen Gesellschaft
nach einer gerade entgegengesetzten Richtung. Der Produktionsprozeß
wird immer mehr vergesellschaftet, und die Einmischung, die Kontrolle
des Staates über diesen Produktionsprozeß wird immer breiter.
Aber gleichzeitig wird das Privateigentum immer mehr zur Form der nackten
kapitalistischen Ausbeutung fremder Arbeit, und die staatliche Kontrolle
wird immer mehr von ausschließlichen Klasseninteressen durchdrungen.
Indem somit der Staat, d.h. die poIitische Organisation, und die Eigentumsverhältnisse,
d.h. die rechtliche Organisation des Kapitalismus, mit der Entwicklung
immer kapitalistischer und nicht immer sozialistischer werden, setzen
sie der Theorie von der allmählichen Einführung des Sozialismus
zwei unüberwindliche Schwierigkeiten entgegen.
Die Idee
Fouriers, durch das Phalanstere-System das sämtliche Meerwasser
der Erde in Limonade zu verwandeln, war sehr phantastisch. Allein die
Idee Bernsteins, das Meer der kapitalistischen Bitternis durch flaschenweises
Hinzufügen der sozialreformerischen Limonade in ein Meer sozialistischer
Süßigkeit zu verwandeln, ist nur abgeschmackter, aber nicht
um ein Haar weniger phantastisch.
Die Produktionsverhältnisse
der kapitalistischen Gesellschaft nähern sich der sozialistischen
immer mehr, ihre politischen und rechtlichen Verhältnisse dagegen
errichten zwischen der kapitalistischen und der sozialistischen Gesellschaft
eine immer höhere Wand. Diese Wand wird durch die Entwicklung der
Sozialreformen wie der Demokratie nicht durchlöchert, sondern umgekehrt
fester, starrer gemacht. Wodurch sie also niedergerissen werden kann,
ist einzig der Hammerschlag der Revolution, d.h. die Eroberung der politischen
Macht durch das Proletariat.
5.Praktische
Konsequenzen und allgemeiner Charakter des Revisionismus
Wir haben im ersten Kapitel darzutun gesucht, daß die Bernsteinsche
Theorie das sozialistische Programm vom materiellen Boden aufhebt und
auf eine idealistische Basis versetzt. Dies bezieht sich auf die theoretische
Begründung. Wie sieht nun aber die Theorie - in die Praxis übersetzt
aus? Zunächst und formell unterscheidet sie sich gar nicht von
der bisher üblichen Praxis des sozialdemokratischen Kampfes. Gewerkschaften,
der Kampf um die Sozialreform und um die Demokratisierung der politischen
Einrichtungen, das ist das nämliche, was auch sonst den formellen
Inhalt der sozialdemokratischen Parteitätigkeit ausmacht. Der Unterschied
liegt also nicht in dem Was, wohl aber in dem Wie. Wie die Dinge jetzt
liegen, werden der gewerkschaftliche und der parlamentarische Kampf
als Mittel aufgefaßt, das Proletariat allmählich zur Besitzergreifung
der politischen Gewalt zu führen und zu erziehen. Nach der revisionistischen
Auffassung sollen sie, angesichts der Unmöglichkeit und Zwecklosigkeit
dieser Besitzergreifung, bloß im Hinblick auf unmittelbare Resultate,
d. h. die Hebung der materiellen Lage der Arbeiter, und auf die stufenweise
Einschränkung der kapitalistischen Ausbeutung und die Erweiterung
der gesellschaftlichen Kontrolle geführt werden. Wenn wir von dem
Zwecke der unmittelbaren Hebung der Lage der Arbeiter absehen, da er
beiden Auffassungen, der bisher in der Partei üblichen, wie der
revisionistischen, gemeinsam ist, so liegt der ganze Unterschied kurz
gefaßt darin: nach der landläufigen Auffassung besteht die
sozialistische Bedeutung des gewerkschaftlichen und politischen Kampfes
darin, daß er das Proletariat, d.h. den subjektiven Faktor der
sozialistischen Umwälzung zu deren Durchführung vorbereitet.
Nach Bernstein besteht sie darin, daß der gewerkschaftliche und
politische Kampf die kapitalistische Ausbeutung selbst stufenweise einschränken,
der kapitalistischen Gesellschaft immer mehr ihren kapitalistischen
Charakter nehmen und den sozialistischen aufprägen, mit einem Worte,
die sozialistische Umwälzung in objektivem Sinne herbeiführen
soll. Sieht man die Sache näher an, so sind beide Auffassungen
sogar gerade entgegengesetzt. In der parteiüblichen Auffassung
gelangt das Proletariat durch den gewerkschaftlichen und politischen
Kampf zu der überzeugung von der Unmöglichkeit, seine Lage
von Grund aus durch diesen Kampf umzugestalten, und von der Unvermeidlichkeit
einer endgültigen Besitzergreifung der politischen Machtmittel.
In der Bernsteinschen Auffassung geht man von der Unmöglichkeit
der politischen Machtergreifung als Voraussetzung aus, um durch bloßen
gewerkschaftlichen und politischen Kampf die sozialistische Ordnung
einzuführen.
Der sozialistische
Charakter des gewerkschaftlichen und parlamentarischen Kampfes liegt
also bei der Bernsteinschen Auffassung in dem Glauben an dessen stufenweise
sozialisierende Einwirkung auf die kapitalistische Wirtschaft. Eine
solche Einwirkung ist aber tatsächlich wie wir darzutun suchten
- bloße Einbildung. Die kapitalistischen Eigentums- und Staatseinrichtungen
entwickeln sich nach einer entgegengesetzten Richtung. Damit aber verliert
der praktische Tageskampf der Sozialdemokratie in letzter Linie überhaupt
jede Beziehung zum Sozialismus. Die große sozialistische Bedeutung
des gewerkschaftlichen und politischen Kampfes besteht darin, daß
sie die Erkenntnis, das Bewußtsein des Proletariats sozialisieren,
es als Klasse organisieren. Indem man sie als Mittel der unmittelbaren
Sozialisierung der kapitalistischen Wirtschaft auffaßt, versagen
sie nicht nur diese ihnen angedichtete Wirkung, sondern büßen
zugleich auch die andere Bedeutung ein: sie hören auf, Erziehungsmittel
der Arbeiterklasse zur proletarischen Machtergreifung zu sein.
Es beruht
deshalb auf einem gänzlichen Mißverständnis, wenn Eduard
Bernstein und Konrad Schmidt sich beruhigen, das Endziel gehe der Arbeiterbewegung
bei der Einschränkung des ganzen Kampfes auf Sozialreform und Gewerkschaften
doch nicht verloren, weil jeder Schritt auf dieser Bahn über sich
hinausführe und das sozialistische Ziel so der Bewegung selbst
als Tendenz innewohne. Dies ist allerdings in vollem Maße bei
der jetzigen Taktik der deutschen Sozialdemokratie der Fall, d.h. wenn
die bewußte und feste Bestrebung zur Eroberung der politischen
Macht dem gewerkschaftlichen und sozialreformerischen Kampfe als Leitstern
vorausgeht. Löst man jedoch diese im voraus gegebene Bestrebung
von der Bewegung ab und stellt man die Sozialreform zunächst als
Selbstzweck auf, so führt sie nicht nur nicht zur Verwirklichung
des sozialistischen Endzieles, sondern eher umgekehrt. Konrad Schmidt
verläßt sich einfach auf die sozusagen mechanische Bewegung,
die, einmal in Fluß gebracht, von selbst nicht wieder aufhören
kann, und zwar auf Grund des einfachen Satzes, daß beim Essen
der Appetit kommt und die Arbeiterklasse sich nie mit Reformen zufrieden
geben kann, solange nicht die sozialistische Umwälzung vollendet
ist. Die letzte Voraussetzung ist zwar richtig und dafür bürgt
uns die Unzulänglichkeit der kapitalistischen Sozialreform selbst.
Aber die daraus gezogene Folgerung könnte nur dann wahr sein, wenn
sich eine ununterbrochene Kette fortlaufender und stets wachsender Sozialreformen
von der heutigen Gesellschaftsordnung unmittelbar zur sozialistischen
konstruieren ließe. Das ist aber eine Phantasie, die Kette bricht
vielmehr nach der Natur der Dinge sehr bald ab, und die Wege, die die
Bewegung von diesem Punkte an einschlagen kann, sind mannigfaltig.
Am nächsten
und wahrscheinlichsten erfolgt dann eine Verschiebung in der Taktik
nach der Richtung, um durch alle Mittel die praktischen Resultate des
Kampfes, die Sozialreformen zu ermöglichen. Der unversöhnliche,
schroffe Klassenstandpunkt, der nur im Hinblick auf eine angestrebte
politische Machteroberung Sinn hat, wird immer mehr zu einem bloßen
Hindernis, sobald unmittelbare praktische Erfolge den Hauptzweck bilden.
Der nächste Schritt ist also eine »Kompensationspolitik«
- auf gut deutsch - eine Kuhhandelspolitik - und eine versöhnliche,
staatsmännisch kluge Haltung. Die Bewegung kann aber auch nicht
lange stehen bleiben. Denn da die Sozialreform einmal in der kapitalistischen
Welt eine hohle Nuß ist und allezeit bleibt, mag man eine Taktik
anwenden, welche man will, so ist der nächste logische Schritt
die Enttäuschung auch in der Sozialreform, d.h. der ruhige Hafen,
wo nun die Professoren Schmoller u. Co. vor Anker gegangen sind, die
ja auch auf sozialreformerischen Gewässern durchstudierten die
groß' und kleine Welt, um schließlich alles gehen zu lassen,
wie's Gott gefällt.9 Der Sozialismus erfolgt also aus dem alltäglichen
Kampfe der Arbeiterklasse durchaus nicht von selbst und unter allen
Umständen. Er ergibt sich nur aus den immer mehr sich zuspitzenden
Widersprüchen der kapitalistischen Wirtschaft und aus der Erkenntnis
der Arbeiterklasse von der Unerläßlichkeit ihrer Aufhebung
durch eine soziale Umwälzung. Leugnet man das eine und verwirft
man das andere, wie es der Revisionismus tut, dann reduziert sich die
Arbeiterbewegung zunächst auf simple Gewerkvereinlerei und Sozialreformerei
und führt durch eigene Schwerkraft in letzter Linie zum Verlassen
des Klassenstandpunktes.
Diese Konsequenzen
werden auch klar, wenn man die revisionistische Theorie noch von einer
anderen Seite betrachtet und sich die Frage stellt: was ist der allgemeine
Charakter dieser Auffassung? Es ist klar, daß der Revisionismus
nicht auf dem Boden der kapitalistischen Verhältnisse steht und
nicht mit bürgerlichen Ökonomen ihre Widersprüche leugnet.
Er geht vielmehr in seiner Theorie auch wie die Marxsche Auffassung
von der Existenz dieser Widersprüche als Voraussetzung aus. Andererseits
aber - und dies ist sowohl der Kernpunkt seiner Auffassung überhaupt
wie seine Grunddifferenz mit der bisher üblichen sozialdemokratischen
Auffassung - stützt er sich nicht in seiner Theorie auf die Aufhebung
dieser Widersprüche durch ihre eigene konsequente Entwicklung.
Seine Theorie
steht in der Mitte zwischen den beiden Extremen, er will nicht die kapitalistischen
Widersprüche zur vollen Reife gelangen und durch einen revolutionären
Umschlag auf der Spitze aufheben, sondern ihnen die Spitze abbrechen,
sie abstumpfen. So soll das Ausbleiben der Krisen und die Unternehmerorganisation
den Widerspruch zwischen der Produktion und dem Austausch, die Hebung
der Lage des Proletariats und die Fortexistenz des Mittelstandes den
Widerspruch zwischen Kapital und Arbeit, die wachsende Kontrolle und
Demokratie den Widerspruch zwischen Klassenstaat und Gesellschaft abstumpfen.
Freilich
besteht auch die landläufige sozialdemokratische Taktik nicht darin,
daß man die Entwicklung der kapitalistischen Widersprüche
bis zur äußersten Spitze und dann erst ihren Umschlag abwartet.
Umgekehrt, wir stützen uns bloß auf die einmal erkannte Richtung
der Entwicklung, treiben aber dann im politischen Kampfe ihre Konsequenzen
auf die Spitze, worin das Wesen jeder revolutionären Taktik überhaupt
besteht. So bekämpft die Sozialdemokratie z.B. die Zölle und
den Militarismus zu allen Zeiten, nicht erst, als ihr reaktionärer
Charakter völlig zum Durchbruch gelangt ist. Bernstein stützt
sich aber in seiner Taktik überhaupt nicht auf die Weiterentwicklung
und Verschärfung, sondern auf die Abstumpfung der kapitalistischen
Widersprüche. Er selbst hat es am treffendsten gekennzeichnet,
indem er von einer »Anpassung« der kapitalistischen Wirtschaft
spricht. Wann hätte eine solche Auffassung ihre Richtigkeit? Alle
Widersprüche der heutigen Gesellschaft sind einfache Ergebnisse
der kapitalistischen Produktionsweise. Setzen wir voraus, daß
diese Produktionsweise sich weiter in der bis jetzt gegebenen Richtung
entwickelt, so müssen sich mit ihr unzertrennlich auch alle ihre
Konsequenzen weiter entwickeln, die Widersprüche zuspitzen und
verschärfen, statt sich abzustumpfen.
Letzteres
setzt also umgekehrt als Bedingung voraus, daß die kapitalistische
Produktionsweise selbst in ihrer Entwicklung gehemmt wird. Mit einem
Worte, die allgemeinste Voraussetzung der Bernsteinschen Theorie, das
ist ein Stillstand in der kapitalistischen Entwicklung.
Damit richtet
sich aber die Theorie von selbst, und zwar doppelt. Denn erstens legt
sie ihren utopischen Charakter in bezug auf das sozialistische Endziel
bloß - es ist von vornherein klar, daß eine versumpfte kapitalistische
Entwicklung nicht zur sozialistischen Umwälzung führen kann
und hier haben wir die Bestätigung unserer Darstellung der praktischen
Konsequenz der Theorie. Zweitens enthüllt sie ihren reaktionären
Charakter in bezug auf die tatsächlich sich vollziehende rapide
kapitalistische Entwicklung. Nun drängt sich die Frage auf: wie
kann die Bernsteinsche Auffassungsweise angesichts dieser tatsächlichen
kapitalistischen Entwicklung erklärt oder vielmehr charakterisiert
werden?
Daß
die ökonomischen Voraussetzungen, von denen Bernstein in seiner
Analyse der heutigen sozialen Verhältnisse ausgeht - seine Theorie
der kapitalistischen »Anpassung« - unstichhaltig sind, glauben
wir im ersten Abschnitt gezeigt zu haben. Wir sahen, daß weder
das Kreditwesen noch die Kartelle als »Anpassungsmittel«
der kapitalistischen Wirtschaft, weder das zeitweilige Ausbleiben der
Krisen, noch die Fortdauer des Mittelstandes als Symptom der kapitalistischen
Anpassung aufgefaßt werden können. Allen genannten Details
der Anpassungstheorie liegt aber abgesehen von ihrer direkten Irrtümlichkeit
- noch ein gemeinsamer charakteristischer Zug zugrunde. Diese Theorie
faßt alle behandelten Erscheinungen des ökonomischen Lebens
nicht in ihrer organischen Angliederung an die kapitalistische Entwicklung
im ganzen und in ihrem Zusammenhange mit dem ganzen Wirtschaftsmechanismus
auf, sondern aus diesem Zusammenhange gerissen, im selbständigen
Dasein, als disjecta membra (zerstreute Teile) einer leblosen Maschine.
So z.B. die Auffassung von der Anpassungswirkung des Kredits. Faßt
man ins Auge den Kredit als eine naturwüchsige höhere Stufe
des Austausches und im Zusammenhang mit allen dem kapitalistischen Austausch
innewohnenden Widersprüchen, so kann man unmöglich in ihm
irgendein gleichsam außerhalb des Austauschprozesses stehendes,
mechanisches »Anpassungsmittel« sehen, ebenso wenig wie
man das Geld selbst, die Ware, das Kapital als »Anpassungsmittel«
des Kapitalismus ansehen kann. Der Kredit ist aber nicht um ein Haar
weniger als Geld, Ware und Kapital ein organisches Glied der kapitalistischen
Wirtschaft auf einer gewissen Stufe ihrer Entwicklung und bildet auf
dieser Stufe, wieder ganz wie jene, ebenso ein unentbehrliches Mittelglied
ihres Räderwerkes, wie auch ein Zerstörungswerkzeug, indem
es ihre inneren Widersprüche steigert.
Ganz dasselbe
gilt von den Kartellen und den vervollkommneten Verkehrsmitteln.
Die gleiche
mechanische und undialektische Auffassung liegt ferner in der Weise,
wie Bernstein das Ausbleiben der Krisen als ein Symptom der »Anpassung«
der kapitalistischen Wirtschaft hinnimmt. Für ihn sind die Krisen
einfach Störungen im wirtschaftlichen Mechanismus, und bleiben
sie aus, dann kann offenbar der Mechanismus glatt funktionieren. Die
Krisen sind aber tatsächlich keine »Störungen«
im eigentlichen Sinne, oder vielmehr, sie sind Störungen, ohne
die aber die kapitalistische Wirtschaft im ganzen gar nicht auskommen
kann. Ist es einmal Tatsache, daß die Krisen, ganz kurz ausgedrückt,
die auf kapitalistischer Basis einzig mögliche, deshalb ganz normale
Methode der periodischen Lösung des Zwiespaltes zwischen der unbeschränkten
Ausdehnungsfähigkeit der Produktion und den engen Schranken des
Absatzmarktes bilden, dann sind auch die Krisen unzertrennliche organische
Erscheinungen der kapitalistischen Gesamtwirtschaft.
In einem
»störungslosen« Fortgang der kapitalistischen Produktion
liegen vielmehr für sie Gefahren, die größer sind als
die Krisen selbst. Es ist dies nämlich das, nicht aus dem Widerspruch
zwischen Produktion und Austausch, sondern aus der Entwicklung der Produktivität
der Arbeit selbst sich ergebende stete Sinken der Profitrate, das die
höchst gefährliche Tendenz hat, die Produktion allen kleineren
und mittleren Kapitalien unmöglich zu machen, und so der Neubildung,
damit dem Fortschritt der Kapitalanlagen Schranken entgegenzusetzen.
Gerade die Krisen, die sich aus demselben Prozeß als die andere
Konsequenz ergeben, bewirken durch die periodische Entwertung des Kapitals,
durch Verbilligung der Produktionsmittel und Lahmlegung eines Teils
des tätigen Kapitals zugleich die Hebung der Profite und schaffen
so für Neuanlagen und damit neue Fortschritte in der Produktion
Raum. So erscheinen sie als Mittel, das Feuer der kapitalistischen Entwicklung
immer wieder zu schüren und zu entfachen, und ihr Ausbleiben, nicht
für bestimmte Momente der Ausbildung des Weltmarktes, wie wir es
annehmen, sondern schlechthin, würde bald die kapitalistische Wirtschaft,
nicht wie Bernstein meint, auf einen grünen Zweig, sondern direkt
in den Sumpf gebracht haben. Bei der mechanischen Auffassungsweise,
die die ganze Anpassungstheorie kennzeichnet, läßt Bernstein
ebenso die Unentbehrlichkeit der Krisen, wie die Unentbehrlichkeit der
periodisch immer wieder aufschießenden Neuanlagen von kleinen
und mittleren Kapitalen außer acht, weshalb ihm u.a. auch die
stete Wiedergeburt des Kleinkapitals als ein Zeichen des kapitalistischen
Stillstandes, statt, wie tatsächlich, der normalen kapitalistischen
Entwicklung, erscheint.
Es gibt
nun freilich einen Standpunkt, von dem alle behandelten Erscheinungen
sich auch wirklich so darstellen, wie sie die »Anpassungstheorie«
zusammenfaßt, nämlich den Standpunkt des einzelnen Kapitalisten,
wie ihm die Tatsachen des wirtschaftlichen Lebens, verunstaltet durch
die Gesetze der Konkurrenz, zum Bewußtsein kommen. Der einzelne
Kapitalist sieht vor allem tatsächlich jedes organische Glied des
Wirtschaftsganzen als ein Ganzes, Selbständiges für sich,
er sieht sie auch ferner nur von der Seite, wie sie auf ihn, den einzelnen
Kapitalisten, einwirken, deshalb als bloße »Störungen«
oder bloße »Anpassungsmittel«. Für den einzelnen
Kapitalisten sind die Krisen tatsächlich bloße Störungen,
und ihr Ausbleiben gewährt ihm eine längere Lebensfrist, für
ihn ist der Kredit gleichfalls ein Mittel, seine unzureichenden Produktivkräfte
den Anforderungen des Marktes »anzupassen«, für ihn
hebt ein Kartell, in das er eintritt, auch wirklich die Anarchie der
Produktion auf.
Mit einem
Worte, die Bernsteinsche Anpassungstheorie ist nichts als eine theoretische
Verallgemeinerung der Auffassungsweise des einzelnen Kapitalisten. Was
ist aber diese Auffassungsweise im theoretischen Ausdruck anderes, als
das Wesentliche und Charakteristische der bürgerlichen Vulgärökonomie?
Alle ökonomischen Irrtümer dieser Schule beruhen eben auf
dem Mißverständnis, daß die Erscheinungen der Konkurrenz,
gesehen durch die Augen des Einzelkapitals, für Erscheinungen der
kapitalistischen Wirtschaft im ganzen genommen werden. Und wie Bernstein
den Kredit, so faßt die Vulgärökonomie auch noch z.B.
das Geld als ein geistreiches »Anpassungsmittel« zu den
Bedürfnissen des Austausches auf, sie sucht auch in den kapitalistischen
Erscheinungen selbst die Gegengifte gegen die kapitalistischen Übel,
sie glaubt, in Übereinstimmung mit Bernstein, an die Möglichkeit,
die kapitalistische Wirtschaft zu regulieren, sie läuft endlich
auch immer wie die Bernsteinsche Theorie in letzter Linie auf eine Abstumpfung
der kapitalistischen Widersprüche und Verkleisterung der kapitalistischen
Wunden, d.h. mit anderen Worten auf ein reaktionäres statt dem
revolutionären Verfahren, und damit auf eine Utopie hinaus.
Die revisionistische
Theorie im ganzen genommen läßt sich also folgendermaßen
charakterisieren: es ist dies eine Theorie der sozialistischen Versumpfung,
vulgärökonomisch begründet durch eine Theorie der kapitalistischen
Versumpfung.
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